Skopje – Status: es ist kompliziert!

Skopje – Status: es ist kompliziert!

Vor gut einem Jahr sinnierte ich in Le Havre über «Schönheit» – respektive, setzte mich mit der Frage auseinander: Was macht eine Stadt «schön», wieso betiteln wir eine Altstadt als «pittoresk» und warum passen Plattenbauten nicht ins gängige städtebauliche Schönheitsideal? Ich fand an dieser Auseinandersetzung gefallen und pickte mir für diesen Frühling erneut ein «schwieriges» Exemplar raus. Skopje. Auf die Idee bin ich auf dem Rückflug von Lemberg letzten Spätherbst gekommen. Ich hatte noch eine Restdatenmenge «Welt 1» zur Verfügung und schaute nach, wo ich diese verbrauchen könnte (logischerweise ein lustiger Zeitvertrieb, weil man ja die Datenmenge innerhalb von 30 Tagen verbrauchen muss (was ich übrigens total doof finde liebe Swisscom)). Mazedonien tönte spannend und das, was ich über Skopje las, weckte mein Interesse. So setzte ich die Hauptstadt Mazedoniens kurzerhand auf meine Reiseideenliste fürs 2017. Soweit die Vorgeschichte. Und nun zur Kernfrage: lohnt sich eine Städtereise nach Skopje?

Skopje – City of Kitsch?

Es sollte ein Prestigeprojekt werden, welches sich die Regierung viel Geld kosten liess und noch immer Unmengen an Steuergelder verschlingt. Mit der kompletten Umgestaltung der öffentlichen Plätze und Regierungsgebäude im Zentrum von Skopje wollte sich die nationalkonservative Regierungspartei VMRO mit dem Projekt Skopje 2014 ein «klassischeres» Erscheinungsbild und vor allem eine neue, stolze Identität erschaffen. Doch kann das mit pseudo-griechischen Tempelanlagen, übergrossen protzigen Statuen und aufwendigen Goldverzierungen an allen Ecken und Enden tatsächlich erreicht werden? Wer in diesen Tagen dem Vardar Fluss entlang flaniert, bekommt einiges zu sehen, das in erster Linie Fragezeichen und Unbehagen auslöst. Was um Himmels Willen soll das werden?

Wobei, zu Zeiten Alexander des Grossens (der auf heutigem mazedonischen Staatsgebiet aufwuchs) waren doch Tempelbauten mit Säulen «en vogue». Ist es also wirklich so falsch, den Neoklassizismus auf der Suche nach einer gemeinsamen Staatsidentität aufs Vollste auszureizen? Ja. Zumindest wenn das Ganze in der Installation von knallpinken Ziervögeln auf vergoldeten Platzleuchten gipfelt. Schade, denn denkt man sich die Fläche bis auf das Wasserspiel leer, hat dieser von Cafés gesäumte zentrale Platz Skopjes durchaus seine Qualitäten.

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Behind the Kitsch

Beim Entdecken der Innenstadt begreife ich nach einer Weile die Hintergründe, die zu diesem verzweifelten Streben nach einer neuen Identität geführt haben mögen. 1963 hat ein Erdbeben grosse Teile des Stadtgebiets in Schutt und Asche gelegt – darunter viele historische Bauten des Osmanischen Reiches. Zwei Jahre nach dem Erdbeben wurde im Rahmen eines internationalen städtebaulichen Wettbewerbs der Masterplan des japanischen Architekten Kenzo Tange als Siegerprojekt erkoren. Das Resultat: Ein Wiederaufbau im Stil des Strukturalismus/Brutalismus. Nur – wie ich schon in Le Havre feststellte – geniessen Betonbauten in der Regel deutlich weniger Sympathie als neoklassizistische Bauwerke des frühen 20. Jahrhunderts. Wieso also nicht an diese Ästhetik anknüpfen, dachten sich vielleicht die kreativen Schöpfer von Skopje 2014. Zum Glück sind aber noch nicht alle Betonbauten aus den 1960er bis 1980er Jahren dem Bulldozer zum Opfer gefallen. So steht zum Beispiel die Glavna Posta einer Trutzburg ähnlich neben einer strahlend weissen Säulenarkade. Ein weiteres schönes Beispiel ist die Saint Cyril and Methodius Universität, die trotz Betonstruktur in ihrer Erscheinung filigran wirkt. Gemeinsam ist diesen Bauten, dass sie einen klaren Zeitgeist widerspiegeln – etwas, was im Projekt Skopje 2014 gänzlich fehlt. Was nun wirklich «schöner» ist, das entscheidet jeder Betrachter für sich. Meine Stimme geht auf jeden Fall ans Team Beton.

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Matka Canyon Escape

Ganz unabhängig, ob euch nun Kitsch oder Brutalismus zusagt, spätestens im Matka Canyon beruhigen sich die debattierenden Gemüter. Die Schlucht gehört zu den beliebtesten Naherholungszielen und der Tagesausflug dorthin lässt sich hervorragend mit der Städtereise verbinden. Die Buslinie 60 bedient die Strecke in unregelmässigen Abständen (ca. alle 1.5 Stunden – gemäss aktuellem Fahrplan erste Fahrt um 7:00 Uhr danach 8:45 Uhr und 10:30 Uhr Abfahrt im Busbahnhof). Da wir keine genauen Angaben zu den Abfahrtszeiten und Haltestellen fanden, waren wir viel zu früh beim Busbahnhof und nutzten die Zeit um das Bahnhofsgebäude (eines der Bauwerke von Kenzo Tange) sowie das umliegende Quartier zu erkunden. Wem der Weg zum Busbahnhof zu weit ist, der kann sich an eine der Haltestellen am Bulevar Partizanski Odredi stellen – der Bus fährt dort durch und hält an den Haltestellen (Google kennt die Linie nicht, was die Planung erschwert). Die Fahrt vom Stadtzentrum bis zur Schlucht dauert gut 50 Minuten. Am Anfang der Schlucht hat es ein Restaurant, wo Bootstouren starten und Kajaks vermietet werden. Dort sind auch die verschiedenen Wanderrouten zu den Kirchen und Klöstern der Region (ca. 45 Minuten Wanderzeit pro Weg) sowie die Route der Schlucht entlang (ca. 2.5 Stunden in eine Richtung) ausgeschildert. Wir sind für gut einer Stunde dem Weg der Schlucht entlang gefolgt und haben die Ruhe genossen. Ein herrlicher Tagesausflug! Die einzige Information, die mir fehlt, sind die Kosten fürs Busticket – wir zahlten auf beiden Wegen nichts, weil die Chauffeure unser Geld partout nicht wollten.

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Sehenswürdigkeiten in Skopje

Wer grosszügig über die grotesken «Skopje 2014» Bausünden hinwegsieht, der findet im Zentrum einige tolle Sehenswürdigkeiten und spannende Museen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie weit mehr als nur «Kitsch» widerspiegeln und man Skopje mit einer blossen Reduktion auf die Bausünden vergangener Jahre unrecht tut.

Festung Kale |

Einen schönen Überblick über das architektonische Potpourri der Innenstadt bietet die Festung Kale hoch über dem Fluss Vardar. Der Zugang ist (zumindest als wir dort waren) kostenlos.

Festung Kale Skopje Skopje Skyline Skopje Vardar Stadion

Skopje Old Bazaar |

Der weitläufige Alte Basar vermittelt am besten einen Eindruck vom Erscheinungsbild Skopjes vor dem verheerenden Erdbeben. Zur Zeit des Osmanischen Reiches gab es hier zahlreiche Moscheen und Karawansereien – eine davon kann noch besichtigt werden. Auch sonst gibt es im Gassengewirr viele spannende Shops und schöne Ecken zu entdecken.

Skopje Old Bazaar Gassen Old Bazaar Karanserei Skopje Skopje Old Bazaar

Museums-Hopping |

In puncto Museen bietet Skopje ein interessantes Kontrastprogramm. Sehenswert ist das Museum für zeitgenössische Kunst, das sich in der Nähe der Festung Kale an exponierter Lage in einem Gebäude aus den 1970er Jahren befindet (Eintritt 300 Denari). Beeindruckt hat uns auch die National Gallery, die im ehemaligen Daut Pasha Hamam – einem bedeutenden Zeitzeugen der osmanischen Architektur – ausgestellt ist. Das Memorial House von Mutter Teresa haben wir uns dagegen nur von aussen angeguckt. Genauso das City Museum of Skopje, das sich im ehemaligen Empfangsgebäude des Bahnhofs Skopje befindet. Das Gebäude hielt als eines der wenigen Bauten dem Erdbeben stand. Einzig die Uhr steht seit dem 26. Juli 1963 um 05:17 Uhr still.

Museum of Contemporary Art Skopje Daut Pasha Hamam Memoriar House Mother Teresa Museum City of Skopje

Public Room – CoWorking

Wer ein lässiges Plätzchen für eine Kaffee- oder Arbeitspause sucht, dem können wir den «Public Room» empfehlen. Hier treffen sich Studenten zum Arbeiten, lokale Designer verkaufen ihre Ware im kleinen im Café integrierten Store und die Arbeiter des Viertels holen sich ein Sandwich an der Theke.

Public Room Skopje Public Room Kuchen Skopje

Weitere Skopje-Tipps

  • Eine praktische, direkte Flugverbindung kann über Air Prishtina gebucht werden. Der Flug selber wird von Germania (als Charter) durchgeführt. Die Flugzeiten eignen sich währen dem Sommerflugplan super für einen Wochenendtrip. Wir sind am Donnerstagabend um 17:10 Uhr in Zürich abgeflogen und am Sonntagabend um 19:30 Uhr wieder in Zürich gelandet.
  • Vom Flughafen in die Innenstadt gibt es eine unregelmässige Busverbindung. Das Ticket kostet 175 Denari.
  • Übernachtet haben wir im relativ neuen Park Hotel & Spa beim Stadion. Die meisten Sehenswürdigkeiten liegen in Fussdistanz und sind über einen schönen Uferweg erreichbar. Das Hotel eignet sich für alle, die modernes Design mögen. Je nach Zimmer hat man Stadion- oder Flussblick.
  • Für kulinarische Tipps kann ich euch die Spotted by Locals App empfehlen, die ich für meine Recherche genutzt habe.
  • Wir haben bei Twins Kitchen & Wine (im Hotelkomplex), bei Frutti die Mare und bei Pelister fein gegessen. Wer’s einfach, schnell und günstig mag, der findet den Royal Burger lässig. Gegenüber der sehenswerten Saint Clement of Ohrid Kathedrale liegt etwas versteckt das gemütliche Café Ljubov. All diese Orte sind auch auf Spotted by Local zu finden
  • Lesetipp für Betonfans: Yomadic – Communist Architecture in Skopje

p.s. Ja ich bin dezidiert der Meinung, eine Städtereise nach Skopje lohnt sich, wenn man sich mit dem Ort auseinandersetzen mag.

Kommentare

  • Gerd Gerd September 09, at 22:02

    Warte ab .... Sonntag fliege ich hin. Mittwoch zurück. Meine Tochter sagt, Skopje sei nicht so dolle. Bei dem Komplettpreis von 32 € ab Hamburg kann man aber nicht "NEIN" sagen.

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