Sehnsuchtsort Grimsel Hospiz

Auf die Arbeit hetzen, noch schnell ein E-Mail beantworten, gleichzeitig überlegen, was man kochen soll, einen Kunden zurückrufen, das zerknitterte Hemd bügeln, endlich Wäsche waschen, beim Anblick der Fenster denken „oh, die sollten auch mal wieder geputzt werden“, Rechnungen auf den letzten Drücker zahlen…. Uff! Manchmal da erscheint einem der Alltag wie ein drehendes Hamsterrad, das dringend gestoppt werden sollte. Von 100 auf Null!

Als ich letzten Sommer bei einem Besuch im Haslital gehört habe, dass das altehrwürdige Grimsel Hospiz im Winter seine Türen für Gäste geöffnet hat, die schlicht und einfach einmal abschalten möchten, war meine Sehnsucht geweckt. Da muss ich hin. Fernab des hektischen Alltags inmitten tief verschneiter Berglandschaft das Nichtstun frönen. Tönt wunderbar, nicht?

Bereits im frühen Mittelalter bot ein Gasthaus Reisenden über den Grimselpass einen Unterschlupf. Das Grimsel Hospiz in seiner heutigen Form mit dem wuchtigen Treppengiebel entstand aber erst 1932 als Ersatz für das alte Hospiz, das 1930 dem Stausee weichen musste. Bei seiner Eröffnung war es das erste elektrisch beheizte Hotel Europas und entsprach wohl vom Standard her einem luxuriösen Alpinhotel. Bis heute bildet das Hospiz einen Bestandteil der KWO, die nebst dem Betrieb der Wasserkraftwerke die Region unter dem Oberbegriff Grimselwelt touristisch vermarkten. Von 2008 bis 2010 wurde das Hospiz umfassend renoviert und ist seither Mitglied der Swiss Historic Hotels. Nach dem Umbau wurde entschieden, dass das Hotel nicht nur in den Sommermonaten, sondern auch im Winter für Gäste geöffnet werden soll. Die Einheimischen waren ab dieser Idee skeptisch. „Da kommt doch im Winter keiner hoch“, war der Tenor. Nun, da haben sie sich aber gewaltig getäuscht.

Bereits die Anreise ins Hospiz ist entschleunigend und aufregend zugleich. Sie erfolgt gruppenweise zu vorgängig kommunizierten Zeiten. Wer mit dem Zug anreist, fährt bis Innertkirchen MIB und wer mit dem Auto kommt, stellt sein Fahrzeug ebenfalls dort auf dem Parkplatz der KWO ab. Ab Innertkirchen geht’s mit dem Postauto bis Handeck. Hier steigen wir auf die erste Seilbahn um, die uns 300 Höhenmeter hinauf zur Gerstenegg bringt. Nun folgt eine Fahrt durch das unterirdische Stollengewirr der Kraftwerkbauten. Doch ohalätz, das Auto springt nicht an. Müssen wir nun die drei Kilometer zu Fuss durch den schnurgeraden Tunnel marschieren? Ein Arbeiter meint zu unserer Truppe im breitesten Haslitaler Dialekt trocken „dir cheit äppa nit id Feriä“. Doch im Stollengewirr scheint sich mehr als ein Auto zu verstecken und schon steht unser Guide mit einem fahrtüchtigen Bus vor uns. Für die letzten Höhenmeter wagen wir uns in eine Mini-Seilbahn, die uns aber alle heil nach oben auf den Grimselnollen bringt.

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Das Hospiz selbst befindet sich 300 Metern unterhalb des Grimselpasses und thront trutzig über dem Grimselsee. Leider empfängt uns die Landschaft in einem Einheitsgrau. Das fantastische Bergpanorama versteckt sich an diesem Nachmittag hinter dicken Regenwolken. Doch das ist eigentlich egal, denn schönes Wetter ist hier nur die Zugabe.

Zuerst werfen wir einen Blick in unser Zimmer. Der Zürcher Architekt Andrin Schweizer hat bei der Renovation ein gutes Gespür bewiesen und sich beim Farbkonzept sowohl an der ursprünglichen Architektur von Jaques Wipf als auch an der umgebenden Natur orientiert. Die Mehrheit der Möbel wurde von lokalen Schreinern hergestellt. Ein Ort zum Wohlfühlen.

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Nach einem kurzen Rundgang rund ums Haus (Schneeschuhe stehen den Gästen kostenlos zur Verfügung) kuscheln wir uns in einen gemütlichen Sessel hinter einer raumhohen Glasfront, lesen ein Buch und schauen den Wolken beim Tanz im Sturm zu.

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Für das kulinarische Wohlergehen der Gäste ist bestens gesorgt. Am Nachmittag lockt ein Kuchenbuffet die Gäste in die Arvenstube. Was gibt’s Schöneres, als bei einem prasselnden Kaminfeuer Biss für Biss einen sündigen Schokoladenkuchen zu vertilgen?

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Im Schnee lockt noch ein weiteres Zückerchen. In den Bademantel gemummelt machen wir uns auf den Weg nach draussen. Nur wenige Schritte vom Hotel entfernt befindet sich ein dampfender Hot Tub. Schnell den Bademantel auf die Seite legen uns ins Wasser steigen, gestaltet sich weit einfacher, als sich irgendwann wieder aus dem wohlig warmen Wasser in den kalten Schnee zu begeben. Aber wenn barfuss durch den Schnee rennen tatsächlich so abhärtet, wie immer behauptet wird, werde ich diesen Winter ganz bestimmt nicht krank.

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Im sogenannten Winter-Ruheoase Angebot (im Doppelzimmer ab 255.- / Nacht und Person) ist ebenfalls ein 4-Gang-Geniessermenu am Abend inklusive. Hier wird meiner Meinung nach das Credo „Entschleunigen“ zu wörtlich genommen. Gemäss Programm wird das Abendessen am 19:00 Uhr serviert. Wir gehören mit zu den ersten Gästen, die im Restaurant den Platz einnehmen. Der erste Gang wird aber erst serviert, nachdem sich auch die Letzten gesetzt und die Getränke bestellt haben – und das ist kurz vor 20:00. Nun ja, wenigstens hat sich das Warten gelohnt, denn insbesondere der Lachs ist butterzart und schmeckt fantastisch.

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An ausgewählten Daten – meist Freitags – finden zudem spezielle kulturelle oder kulinarische (Schwerpunkt Wein) Veranstaltungen statt. Unser Aufenthalt kreuzt sich mit einem Jazz-Soirée. Vor und nach dem Geniesser-Menu lauschen wir in der Arvenstube den Klängen des „The Jazz Quintet“ feat. Chantemoiselle.

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Ausgeschlafen und erholt greifen wir am nächsten Morgen am Frühstücksbuffet kräftig zu. Wer kann schon einem lokalen Bergkäse widerstehen? Beim Blick aus dem Fenster wechselt meine Stimmung jäh von enstpannt auf helle Aufregung. Wir werden doch noch mit der Sicht auf die prächtige Bergwelt beglückt. Zart rosa schimmernd, lassen die Wolken kurz einen Blick auf den Grimselsee zu.

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Wäre ich Schriftsteller, ich würde mich einen Winter lang ins Grimsel Hospiz einquartieren. Ach, was schwafle ich da, ich plädiere auf Home Office und verlege das einfach mal husch auf den Grimsel. Ein funktionierendes Wifi und gut platzierte Steckdosen gibt’s nämlich (bei einem Energieproduzent ist das ja auch nicht anders zu erwarten). Kuchen auch. Und mehr braucht man hier oben gar nicht.

Hinweis: Ich wurde von der Grimselwelt zu diesem Aufenthalt eingeladen – Vielen Dank hierfür. Meine Leser dürfen wie immer sicher sein, dass ich hier stets meine Ansichten und Begeisterung vertrete.

Anita Brechbühl

Hallo ich bin Anita, leidenschaftliche Weltenbummlerin und Hobby-Fotografin. Ich liebe es, neue Flecken auf unserer wunderbaren Welt zu entdecken. Dabei gilt, das Abenteuer beginnt direkt vor der Haustür! So bin ich nicht nur in exotischen Ländern sondern auch oft in der Schweiz unterwegs.

Kommentare

  • Mela │ morgenmuffel.in Januar 15, at 08:19

    Wirklich tolle Bilder, Anita, da bekommt man Lust, vor Ort selbst zu entschleunigen ;)

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  • Mel Januar 16, at 11:40

    Wunderschöner Beitrag. Kann dem Geschriebenen nur zustimmen: ich durfte auch schon an diesem tollen Ort nächtigen und war begeistert!

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  • klaeui Januar 27, at 18:44

    Den Tipp muss ich mir (auch) merken :)

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  • Phil Juni 15, at 21:18

    Anita, Anita, jetzt habe ich einige Deiner Hoteltipps für die Schweiz gelesen und damit dafür gesorgt, dass ich wohl nur schwer einschlafen können werde, aus lauter Mangel an Entschlusskraft welches es denn sein soll. Allesamt herrlich von der Umgebung zu den Zimmern und Salons bis hin zur Kulinarik. Und Deine Photos sind auch spitze, Danke dass du uns an Deinen Tripps teilhaben lässt !

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    • Anita Brechbühl Juni 15, at 21:51

      Hallo Phil, danke für deinen Kommentat und es freut mich, wenn die Hoteltipps inspirieren :)

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