5’671 Meter über Meer – dünne Luft auf dem Damavand

5’671 Meter über Meer – dünne Luft auf dem Damavand

Ich starre angestrengt in die Höhe. Wie viele Schritte braucht es noch? Fünf? Zehn? Ich schaff das! Blende alles aus. Auch Bergführer Mohammad, der mir vom greifbar nahen Gipfel aufgeregt zuwinkt. Und dann kommt er endlich – dieser eine Schritt, der mich nach einem siebenstündigen Aufstieg auf den Damavand bringt. Ich befinde mich auf 5’671 Meter über Meer. Atme einen Moment tief ein und aus und werde von einem Gefühlsausbruch überwältigt.

«Wie ist es so, dort oben?», fragen mich später der Freund, die Eltern und Kollegen. Und ich weiss nicht so recht, wie ich diese Frage beantworten soll. Ein bisschen so, als würde man im Raumanzug über eine ausserirdische Gerölllandschaft laufen. Unwirklich, imposant und jeder Schritt eine Meisterleistung. Aber vielleicht liegt das auch daran, dass ich gar nie damit gerechnet hatte, jemals «dort oben» zu stehen und scherzte bereits am ersten Trekkingtag, dass es mir ausreicht nach meinem ersten Viertausender, die 5’000er Marke zu knacken. Und insofern nehme ich die Gipfelbesteigung als unverhoffte Zugabe von fünf intensiven Trekkingtagen an den Flanken des höchsten Iraners.

1. Trekkingtag: von Teheran nach Nandal

Vier Tage zuvor starten wir das Trekkingabenteuer in Teheran. Wir tauschen die elegante «Stadtkleidung» gegen Wanderhosen und Langarmshirts. Packen Schlafsack, Mätteli, Daunenjacke, Windjacke, Kappe und Handschuhe in unsere Trekkingtaschen. Schnüren die Wanderschuhe und machen uns auf den Weg Richtung Bergdorf Nandal. Der 70 Kilometer nordöstlich von Teheran gelegene Vulkan Mount Damavand ist ein beliebter, verhältnismässig einfacher Fünftausender und die bekannte Südroute dementsprechend gut frequentiert. Wir aber wollen uns dem Berg von der weniger begangenen Nordroute her annähern und fahren von Teheran kommend zuerst einmal in einem Halbkreis um den mächtigen, frei stehenden Vulkan herum. Genug Zeit, den Damavand eingehend zu studieren. Die Südseite ist die Schoggiseite, wie wir später feststellen werden. Kurz bevor wir die Hauptstrasse verlassen und in zahlreichen Serpentinen nach Nandal hinauffahren, gibt es einen Verpflegungsstopp. Entlang der Hauptstrasse liegen zahlreiche Restaurants, die köstliche persische Gerichte auftischen.

Nach gut fünf Stunden Fahrzeit erreichen wir Nandal, wo wir in einem einfachen Gästehaus mit dem Schlafsack auf dem Teppichboden übernachten. Eine gute Einstimmung auf die kommenden drei Zeltnächte, die mir als schlechter Zeltschläfer zugegebenermassen Sorgen bereiten. Kaum angekommen schultern wir unser Tagesrucksäckli und marschieren los. Rund um das Bergdorf hat es einige «Hügel», wo man schnell einmal die Dreitausendermarke knackt und wir folgen Bergführer Mohammad querfeldein über Stock und Stein. Während in Teheran eine Gluthitze herrschte, ziehen hier Nebelschwaden auf. Es ist angenehm kühl und der Gedanke, die Daunenjacke eingepackt zu haben, erscheint nicht mehr ganz so lächerlich, wie noch vor wenigen Stunden. Ich erschnuppere aromatischen Thymian-Duft, entdecke da und dort blühende Büschel und bin erstaunt wie grün es ist. Mohammad bringt uns Schritt für Schritt bergwärts, bis wir plötzlich über der Nebeldecke vis-à-vis vom Damavand stehen. «So hoch ist der doch gar nicht!»

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2. Trekkingtag: Akklimatisierungsmarsch

Dabei bin ich mir bewusst, dass der Punkt kommen wird, wo ich den Berg verfluchen werde. Wo ich nicht verstehen kann, wieso die Gipfelspitze einfach nicht näher rücken will. Wo Wille gefordert ist und es mir wie die reinste Tortur erscheint. Jetzt aber befinden wir uns alle noch in unseren Komfortzonen. Haben Mätteli und Schlafsack wieder zusammengepackt. Eine Melone, Banane und Fladenbrot mit iranischem Honig zum Frühstück verputzt und sind wanderbereit. Unsere drei Bergführer und Koch Ali chauffieren uns mitsamt dem ganzen Karsumpel auf 2’900 m ü. M. hoch. Hier wird das Gepäck auf Pferde und Maulesel umgeladen und wir verstauen das Kopftuch im Rucksack. In den Bergen gibt es keine Sittenwächter. Einzig langärmlige Hosen und Oberteile bleiben Pflicht (müssen aber nicht mehr bis mitte Oberschenkel reichen), was in Anbetracht der prallen Sonneneinstrahlung durchaus sinnvoll erscheint.

Nun liegt es allein in unserer Kraft, die nächsten 2’700 Höhenmeter bis zum Gipfel zu überwinden. Der erste Trekkingtag führt uns in landschaftlich abwechslungsreichen drei Stunden Wanderzeit ins erste Camp auf 3’500 m ü. M. Während die einen die Zelte aufbauen, wandern die anderen (ich auch) noch «freiwillig» eine Stunde und gut 350 Höhenmeter weiter bergwärts, um den Körper an die Höhe zu gewöhnen. «Viel Trinken» lautet die wichtigste Devise, um eine Höhenkrankheit zu vermeiden. Keine Kopfschmerzen, keine Blasen. Ich fühle mich «vögeliwohl».

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3. Trekkingtag: Höhenluft schnuppern

Nur das mit dem Schlafen will nicht klappen. Im Schlafsack ist es zwar wohlig warm, aber mir rasen zu viele Gedanken durch den Kopf, als dass ich zur Ruhe komme. Am nächsten Morgen blicken wir auf ein Nebelmeer und packen Sack und Pack wieder zusammen. Das nächste Lager liegt nur knapp 500 Höhenmeter und zwei Stunden Wanderzeit weiter oben. Ein kurzer Marsch, den wir wiederum mit einem Aufstieg zur Schutzhütte auf knapp 4’300 m ü. M verlängern. Unser zweites Camp befindet sich auf einem grasbewachsenen Hochplateau neben einem gurgelnden Gletscherbach. «Was für ein herrliches Plätzchen», sind wir uns alle einig. Und im Gegensatz zur Südroute, wo täglich Bergsteiger anzutreffen sind, sind wir hier auf der Nordroute noch niemandem begegnet.

Koch Ali (von allen Hāddsch genannt, da er in Mekka war – als Koch, nicht zu Pilgerzwecken) – stets um unser Wohl besorgt – bereitet im Küchenzelt Spaghetti Bolognese zu. Er verwendet dafür von A bis Z frische Zutaten und köchelt die Sauce liebevoll mehrere Stunden. Sowieso das Essen ist absolute Spitze. Der eigentlich schon längst pensionierte Koch begleitet die Bergführer aus reiner Leidenschaft bei den Trekkings und kennt den Damavand in- und auswendig. Mit weiser Voraussicht auf den Strapazen des nächsten Tages serviert er uns an diesem Abend Kohlenhydrate. Der Energiespeicher soll schliesslich gefüllt sein. Ich wasche meine Haare mit kaltem Gletscherwasser, bewundere den farbenintensiven Sonnenuntergang und fühle mich fit. Doch auch diese Nacht wälze ich mich hin und her. Diesmal ist da noch die Angst, dass ich den Wecker um 4:00 Uhr in der Früh überhöre und den Gipfeltag verschlafe.

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4. Trekkingtag: Damavand zum Greifen nah

Die Angst ist unbegründet. Bereits um 3:50 Uhr bin ich nach wenigen Stunden bereits wieder hellwach und kontrolliere im Licht der Stirnlampe, ob ich beim Packen am Vortag nichts Wichtiges vergass. Nach einem schweigsamen Frühstück starten wir die Damavand-Besteigung kurz vor fünf Uhr morgens. 1’600 Höhenmeter trennen uns vom Gipfel. Ein Schritt nach dem anderen. «javosh javosh», wie die Einheimischen sagen. Den Blick auf den Rücken des Vordermanns gerichtet. Und die Gedanken manchmal irgendwo ganz weit weg und dann wieder im Hier und Jetzt. «Noch sechs Stunden», denke ich bei der ersten Trinkpause auf Höhe der Schutzhütte, wo wir bereits am Vortag standen. Eine weitere Stunde später durchbrechen die ersten warmen Sonnenstrahlen die Wolkendecke und hüllen die karge Landschaft und schroffen Felsflanken in einen goldenen Schimmer. Ein wunderbar motivierender Moment. Danach folgt der tricky Part des Aufstieges. Während die Südroute im zick zack verläuft, kraxeln wir hier im Norden über einen felsigen Bergrücken. Nichts Dramatisches und für geübte Wanderer problemlos machbar aber dennoch kräftezehrend. Mein Kopf fühlt sich gut an, die Beine funktionieren tadellos nur mein Magen macht mir ab 4’800 m ü. M. von der einen Minute auf die andere zu schaffen. «Das ist normal», meint Bergführer Milad tröstend, als ich mich das erste Mal übergebe. «Nun wirst du dich besser fühlen». Das stimmt tatsächlich. Das Rumoren ist weg und wir überwinden die nächsten 300 Höhenmeter. Doch dann – ein zweites Mal. Mitten im weiss glitzernden Eisfeld. «Muss ich umkehren?» Die 5’000 er Grenze wäre ja geknackt. «In 100 Höhenmeter siehst du den Gipfel», motiviert mich Mohammad und Milad nimmt mir den Rucksack ab. Ich ringe mit mir. «Ohne Rucksack hab ich es nur halb geschafft». Milad lässt mir keine Wahl. Ich bringe die nächsten 100 Höhenmeter hinter mich und tatsächlich, der Gipfel scheint in greifbarer Nähe. Jetzt umkehren? Nein. Auf keinen Fall. Trotzdem vergeht noch eine weitere Stunde. Der letzte Abschnitt ist unglaublich steil und besteht aus Geröllfeldern. Drei Schritte vorwärts, einer rückwärts und dann eine Pause. Durchatmen. Innehalten. Anlauf nehmen. Und wieder drei Schritte vorwärts… und dann dieser letzte Schritt, die Tränen, die unglaubliche Erleichterung und der Stolz, die Komfortzone verlassen zu haben. Die Aussicht ist dabei nur zweitrangig und an diesem Tag aufgrund dunstiger Sicht sowieso sehr bescheiden. Das kaspische Meer versteckt sich hinter einer Wolkendecke. 45 Minuten später machen wir uns an den Abstieg. Mit nichts im Magen und wackligen Beinen definitiv kein Spaziergang. Doch je mehr Höhe wir verlieren, desto besser fühle ich mich und unterhalb von 4’500 m ü. M. erlaubt mir mein Körper auch wieder die Nahrungsaufnahme.

Kurz vor 17:00 Uhr sind wir zurück im Camp. Hinter uns liegen 12 Wanderstunden, pure Gipfeleuphorie und ein Erlebnis, das ich nie vergessen werde. «Wieso macht man das?», frage ich am Abend in die Runde. Die Antwort fällt einstimmig aus. «Um die eigenen Grenzen auszuloten».

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5. Trekkingtag: talwärts

Diese Nacht schlafe ich tief und fest und erwache am nächsten Tag mit rissigen Lippen und aufgedunsenem Gesicht. Das Trink-Mantra ging am Vortag verbunden mit den Magenproblemen irgendwie unter, was sofort mit unglaublich trockener Haut bestraft wird. Ich werfe einen letzten Blick auf diesen wunderbaren Zeltplatz, bevor wir zurück nach Nandal wandern. Irgendwie hat mein Körper die Strapazen vom Vortag bereits verarbeitet, und während wir talwärts stapfen, schmiede ich die nächsten Abenteuerpläne. Die 6’000er Grenze war ja schliesslich auf dem Damavand zum Greifen nah.

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Globotrek hat mich zu dieser Reise eingeladen. Neu bietet der Schweizer Trekking- und Erlebnisreisenspezialist mehrtägige Irantrekkings in Kombination mit kulturellen Highlights an. Die nächste Reise findet vom 22.09.17 bis 07.10.17 statt und führt unter anderem auf den Mount Damavand. Die Kosten für die Reise betragen ab 5’550 Franken pro Person inklusive Flug. Weitere Infos findet ihr bei Globotrek.

Vor Ort wurden wir von den Bergführern Mohammad, Ehsan und Milad und Koch Ali von Iran Mountain Zone wunderbar betreut.

Kommentare

  • wasgesternwar wasgesternwar Juli 26, at 08:53

    Wieder wunderschöne Bilder! Scheint eine wirklich tolle Wanderung gewesen zu sein! Kommen noch weitere Beiträge zum Iran?

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    • Anita Brechbühl Anita Brechbühl Juli 27, at 11:41

      nein vorläufig wars das zum Iran, da dieses Trekking der Schwerpunkt meiner Reise war ;) eine Iran-Wiederholung ist aber angedacht

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  • Carmen Carmen Juli 26, at 17:48

    Puhh, das klingt anstrengend! Aber wenn man nach den Fotos geht, hat es sich ja sehr gelohnt :)

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    • Anita Brechbühl Anita Brechbühl Juli 27, at 11:40

      oh ja - nicht nur wegen der Fotos, sondern auch wegen dem einmaligen Gefühl "dort oben" zu stehen :)

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  • Boris Boris Juli 27, at 08:31

    Liebe Anita, ich habe deinen Beitrag gelesen, die Bilder bestaunt und hatte das Gefühl mitten drin zu sein. Schön wie du das Erlebte umschrieben hast. Das macht Lust darauf sich selbst aus der Komfortzone zu bewegen. Merci für den tollen Bericht und viel Erfolg beim ersten 6000er =)

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  • RoSa RoSa August 11, at 22:08

    Wow sehr spannender Artikel... wir sind gespannt auf mehr... :)

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  • Pia Pia August 12, at 16:44

    Ein sehr toller und mitreißender Bericht mit beeindruckenden Bildern. Danke für's Mitnehmen :-)

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