Andermatt im Check – vom Luxusleben und Powderhängen

Andermatt im Check – vom Luxusleben und Powderhängen

Teuflische Anfahrt

Ich befinde mich im Zug von Göschenen nach Andermatt. Obwohl nur knappe zwei Stunden von Zürich entfernt, habe ich das in den Medien omnipräsenten Bergdorf noch nie besucht. Die letzte Etappe von Göschenen nach Andermatt dauert zwar nur knappe 10 Minuten führt aber durch eine mystische Urlandschaft. Die Schöllenenschlucht galt jahrhundertelang als unbezwingbar bis im 13. Jahrhundert die sagenumwobenen Teufelsbrücke über die wilde Reuss geschlagen wurde.

Neuer Auftakt

Gleich gegenüber vom Bahnhof Andermatt, wo zu Zeiten der Belle Epoque ein Grandhotel mit Blick auf die unbebaute Schönheit des Urserentals stand, bildet seit dem 20. Dezember 2013 die massive Gebäudefront des Chedi Andermatt den neuen Auftakt von Andermatt. Das Hotel, Teil des Gesamtprojekts Andermatt Swiss Alps, stand in den letzten Jahren regelmässig in den Medien. Diskutiert wurde unter anderem „Ist Andermatt der richtige Ort für ein Fünf-Sterne Deluxe Hotel und werden die verwöhnten Gäste tatsächlich in naher Zukunft statt Gstaad, St. Moritz oder Verbier das (noch) bescheidend auftretende Andermatt ins jährliche Ferienprogramm aufnehmen?“. Da scheiden sich die Geister.

Von aussen wirkt das Chedi wie ein zu gross geratenes Chalet. Die grossflächigen Fensterfronten werden gekonnt hinter Holzelementen von Rottannen versteckt. Rottannen deshalb, weil der lebensnotwendige Schutzwald an den Steilhängen um Andermatt auch aus Rottannen besteht. Ohne Schutzwald, kein Andermatt.

Gegenüber vom Bahnhof befindet sich jedoch nicht der Haupteingang, sondern nur ein bescheidener Nebeneingang zum „Skiraum“ und der Bar, die übrigens allen Gästen zugänglich ist und sich bereits innert kurzer Zeit zu einem beliebten Après-Ski-Treff gemausert hat.

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Der Haupteingang liegt rund 150 m vom Bahnhof entfernt und ist dank der pompösen Glasfront unübersehbar. Drinnen bin ich dann aber zuerst einmal verwirrt. Wo ist denn hier die Rezeption? Ich habe tatsächlich die Rezeption nicht ohne Hilfe gefunden, da ich sie auf den ersten Blick aufgrund der ausgestellten Weinflaschen für eine Bar gehalten habe. Soviel zum Thema funktionales und logisches Design. Ebenso verwirrend und beeindruckend zugleich sind die schon fast verschwenderisch grossen Raumdimensionen in der Lobby. Sofas, Kissen und unzählige Holzcheminées bieten Platz zum Verweilen, ohne dass sich die Gäste in die Quere kommen.

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100 m2 purer Luxus

In den insgesamt vier Chalets, wurden 104 Zimmer und Suiten realisiert. Die Wohnfläche pro Zimmer ist dabei ebenso grosszügig wie der Lobby Bereich. Die kleinsten Zimmergrössen beginnen bei rund 50 m2 (so gross war meine 2-Zimmer-Wohnung zu Studienzeiten). Ich darf in einer Deluxe Suite nächtigen, die so gross ist, dass ich locker alle meine Freunde zur Hausparty einladen könnte. Der Architekt Jean-Michel Gathy hat in den Zimmern gekonnt asiatische Elemente mit lokalen Materialien kombiniert. Wobei, die Gesamterscheinung meiner Ansicht nach einen Ton zu Dunkel herausgekommen ist. Im Gegensatz zu den lichtdurchfluteten Zimmern im typischen Grandhotel-Stil, werden hier die Sonnenstrahlen direkt vom dunkeln Holz geschluckt. Auch das grosse Wandbild hinter dem Bett ruft bei meinen Mitreisenden und mir das eine oder andere Fragezeichen hervor, aber da seien anscheinend schon Umgestaltungsarbeiten geplant.

Kinderkrankheiten machen sich beim Cheminée bemerkbar. Nachdem ich vergeblich den „Anmachknopf“ gesucht habe, wird mir auf Nachfrage an der Rezeption erklärt, dass ich das Cheminée nur über das iPad steuern kann (mit dem auch alle anderen Raumfunktionen gesteuert werden – aber für die gibt es zusätzlich auch noch physische Knöpfe). Leider rufen dann die mickrigen Flammen bei mir so gar keine Cheminée-Romantik hervor. Mit über 200 Cheminées (Holz und Gas) ist es aber auch eine technische Tüftelei, bis die richtig dosierte Luftzufuhr in allen Zimmer stimmt.

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Küchenkunst

Kulinarisch hat mich das Chedi noch nicht restlos überzeugt. Wir haben einerseits im The Restaurant ein Abendessen genossen, das guter Durchschnitt, aber definitiv keine Offenbarung war. Der Service hat hier ebenfalls Potenzial zur Steigerung. Im gleichen Lokal wird auch das Frühstücksbuffet aufgetischt, das vor allem durch seine grosse Auswahl inklusive riesigem Käse-Raum auftrumpft. Hier unbedingt die regionalen Käse-Spezialitäten probieren. Sollte etwas am Buffet nicht vorbereitet sein, wird der Käse auf Wunsch auch extra hervorgeholt.

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Etwas exklusiver geht es im The Japanese Restaurant zu und her. Das Restaurant bietet Platz für vierzig Gäste und bringt eine asiatische Note in die Schweizer Bergwelt. Wer gerne Sushi und Sashimi isst, kommt hier auf seine Kosten. Für mich war die Nachspeise definitiv der Gourmet-Höhepunkt im Chedi.

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Wohlfühloase

Der Spa hält was er verspricht. Ich war besonders ab den einzigartigen Serviceleistungen beim Indoor-Pool angetan. Kostenlos werden kleine Snacks und einen Erfrischungsdrink serviert. Zu moderaten Preisen können zusätzliche Drinks und Tapas bestellt werden. Ich gönne mir einen Mango-Lassi und geniesse eine entspannende Stunde auf den bequemen Liegen neben dem Pool. Anschliessend erkunde ich den restlichen Spa-Bereich und lasse mir ein wohltuendes Bad in den drei unterschiedlich warmen Becken der sogenannten Hydrotherapie nicht entgehen.

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Der Ski-Butler

Die Interpretation und Umsetzung des Skiraums (in den meisten Hotels ein enger Abstellraum im Keller) steht beispielhaft dafür, wie das Chedi versucht, dem Gast ein einzigartiges Erlebnis anzubieten. Sozusagen das Rundum-Sorglos-Packet für Leute mit einem gut gefüllten Portemonnaie. Der Skiraum hat den wohlklingenden Namen „The Living Room“. Sofas und Sitzecken laden zum Verweilen ein, hilfsbereites Personal beantwortet alle Fragen und für Gäste ohne Ausrüstung, wird alles vor Ort zusammengestellt. Spannendes Konzept, das aber bei grossem Ansturm noch nicht ganz reibungslos funktioniert.

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Alter Kern

Nachdem wir das Hotel intensiv unter die Lupe genommen haben (und der eine oder andere sich in den weitläufigen Gängen verlaufen hat), möchten wir uns einen Eindruck von Andermatt verschaffen. Andermatt hat eine bewegte Vergangenheit. Konstant ist einzig die stetige Veränderung. Der Dorfkern setzt sich aus verschiedenen Zeitepochen zusammen und bildet mehr heterogenes Flickwerk als einheitlicher Chalet-Stil. Paradebeispiel hierfür sind beispielsweise ein paar auffällige Berner-Chalets, die während der „Militärepoche“ und Blütezeit des Reduits von Berner Soldaten als Erinnerung an die Heimat gebaut worden sind. Heute erspäht man zwischen den Chalets die Baukräne, die eine neue Ära einläuten. Verstaubt wirkt Andermatt aber definitiv nicht. Im Dorfkern gibt es einige architektonische Perlen – historische und moderne – zu besichtigen. Zudem werden in Andermatt die legendären, freakigen Birdos Freeride Skis hergestellt. Ich will auch so eine Lady auf meinem nächsten Ski! Wer aber exklusive Mode-Boutiquen sucht, der sucht vergeblich. Zu gerne wüsste ich, was die beiden pelztragenden Russinnen, die vor mir durch Andermatt spazieren, davon halten. Öde oder endlich mal was Anderes?

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Freeride-Paradies

Der Blick aus dem Fenster meiner Deluxe Suite bringt am nächsten Morgen die Ernüchterung. Der strahlend blaue Himmel vom Vortag hat dem Nebel und intensiven Schneefällen Platz gemacht. Ich bereue, dass ich mich in einem Moment der Selbstüberschätzung als „sehr guter Skifahrer“ eingestuft habe. Heute wollen wir nämlich die legendären Steilhänge am Gemsstock in Angriff nehmen. Der Ski-Butler fährt uns mit der Limousine (definitiv das ungeeignetste Ski-Transfer-Fahrzeug ever) zur Talstation vom Gemsstock. Die Tageskarte kostet für Erwachsene 57 CHF. Von 1‘400 m bringt uns die Bahn direkt auf fast 3‘000 m ü. M. hinauf. Eine rote und eine schwarze Piste (mit dem legendären Bernhard-Russi-Run) führen von hier zur Gurschenalp runter – theoretische 4 km hochanspruchsvolles Pistenvergnügen für geübte Skifahrer. Für mich an diesem Tag aber eher Kampf gegen die Schneemassen, die fehlende Sicht und die drohende Übelkeit (kennt ihr dieses Gefühl, wenn ihr vor lauter Weiss nicht mehr wisst, was oben und unten ist?). Den tollen Neuschnee kann ich nicht so richtig geniessen.

Trotzdem, ich nehme mir vor, bei schönem Wetter nochmals einen Ausflug auf den Gemsstock zu unternehmen. Hier kann man noch Skifahren „wie zu den guten alten Zeiten“. Kein Schickimicki, alte Liftanlagen aber dafür Pisten mit Suchtpotenzial.

Ich bin ja gespannt, ob die High-Society diese Pisten so unwiderstehlich findet, dass sie Gstaad und St. Moritz den Rücken kehrt, oder ob sie die Tage dann doch eher im Spa und den Suiten verbringen werden….

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Familienspass

Der nächste Morgen erfreut uns mit freundlicherem Wetter. Ich nutze die Gelegenheit vor der Rückkehr nach Zürich für einen kurzen Ausflug auf den Nätschen auf der Südseite von Andermatt. Hinauf ins Skigebiet kommt man entweder mit einem Sessellift oder der Matterhorn-Gotthard-Bahn ab dem Bahnhof Andermatt. Im Gegensatz zum schattigen und steilen Gemsstock, befinden sich auf dieser Seite die sonnigen und einfacheren Abfahrten. Bei Familien und Tagesausflüglern ist nebst den übersichtlichen Pisten auch die Schlittenabfahrt nach Andermatt auf der im Winter verkehrsfreien Oberalp-Passstrasse beliebt.

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Zukunftsmusik

Samih Sawiris hat mit der Eröffnungs des Chedi Andermatts den ersten Meilenstein zur Realisierung seiner gigantischen Vision Andermatt Swiss Alps geschafft. In naher Zukunft sollen weitere fünf Hotels, 42 Wohnhäuser, Kongresseinrichtungen, Sportanlagen und die Verbindung der SkiArena Andermatt-Sedrun folgen. Wir sind gespannt.

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Hinweis: Ich wurde vom GHM Hotels zu dieser Reise eingeladen. Meine Leser dürfen wie immer sicher sein, dass ich hier stets meine Ansichten und Begeisterung vertrete.

Anita Brechbühl

Hallo ich bin Anita, leidenschaftliche Weltenbummlerin und Hobby-Fotografin. Ich liebe es, neue Flecken auf unserer wunderbaren Welt zu entdecken. Dabei gilt, das Abenteuer beginnt direkt vor der Haustür! So bin ich nicht nur in exotischen Ländern sondern auch oft in der Schweiz unterwegs.

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