Auf alten Pfaden durchs Val Vigezzo

Wie oft bin ich schon achtlos durch dieses Tal gefahren, mit den Gedanken schon voller Vorfreude bei der leckeren Gelati-Auswahl am Ufer des Lago Maggiore. Es war beinahe eine Tradition. Die Fahrt durch den Simplontunnel nach Domodossola, von dort mit der Centovallibahn weiter nach Locarno, um kurz dem grauen Winterwetter im Mittelland zu entfliehen. Dem kurzen Stück Italien, das wir unterwegs durchquerten, schenkte ich damals keine nennenswerte Aufmerksamkeit.

Doch diesmal ist alles anders. Statt Gelati-Plausch in Locarno, erwartet mich ein Wanderabenteuer im Val Vigezzo. Die Geschichte des Tal, von hohen bewaldeten Bergketten umschlossen, reicht bis in die Römerzeit zurück. Während vieler Jahrhunderte war es eine umkämpfte Gegend und wurde durch Armut und Auswanderungen ausgezehrt. Heute ist das Tal eine beliebte Ferienregion für Naturliebhaber und Outdoorfans.

Start der Wanderung in Druogno

Von Domodossola bis zum Ausgangspunkt unserer Tour dauert die Fahrt mit der Centovallibahn eine knappe halbe Stunde. Vom Zug aus überblicken wir die wilde Tallandschaft, durch die wir wandern werden. Statt in Druogno direkt den alten Talpfad zu nehmen, lassen wir uns von den Wegweisern verführen und entscheiden spontan, einen Abstecher in die höher gelegenen Dörfchen Sagrogno und Albogno zu wagen. Kaum raus aus dem Dorf, hört auch die gute Signalisation auf. Wir sehen uns mit scheinbar undurchdringbarem Dickicht konfrontiert. Status: Weg selber suchen.

Sagrogno – das schönste Dorf im Tal

Im Gegensatz zur Schweiz, wo man nahezu überall perfekt präparierten Wanderstrecken vorfindet, spürt man beim Wandern im Piemonte, nur wenige Kilometer von der Landesgrenze entfernt, dank teilweise fehlenden Wegweisern und komisch verzweigten Wegen noch einen Hauch Abenteuergeist.

Nach einem steilen Anstieg durch den Wald, über Trockenmauern und quer durch einen Misthaufen, stehen wir vor der kleinen Ortschaft Sagrogno. Nicht nur die Dorfhunde freuen sich über den Besuch, sondern auch Theresia. Die Thunerin lebt seit einigen Jahren jahrein, jahraus im „schönsten Dorf des Tals“, wie sie uns voller Stolz erzählt. Im Winter seien sie, ihr Mann und die drei Hunde die einzigen Einwohner hier oben. Auch wir schliessen diesen hübschen Fleck sofort ins Herz.

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Durch verwunschene Wälder talwärts im Val Vigezoo

Nach einem kurzen Schwatz und einem interessanten Einblick in die alten Steinhäuser zieht es uns weiter. Auf breiten Kieswegen wandern wir durch lauschige Wälder, vorbei an Albogno, das uns mit seiner hübschen Kirche vor dem prächtigen Bergpanorama des Monte Rosa Massivs entzückt, weiter nach Coimo.

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Marone – bedrückend still

Hier zweigt unser Weg in Richtung Talsohle ab. Nach einem steilen Abstieg müssen wir ein kurzes Stück der Strasse entlang folgen, bis wir eine alte Bogenbrücke erreichen. Hier queren wir den Melezzo Orientale und erklimmen die gegenüberliegende schattige Talflanke. Auf halber Höhe befindet sich das seit über dreissig Jahren verlassene Dorf Marone. Zwischen den langsam zerfallenden Steinbauten herrscht eine bedrückende Stimmung. Nebst bröckelnden Steinen und wild wuchernden Ästen befindet sich aber ein herausgepützeltes Bauwerk – der Friedhof. Angehörige aus den Nachbardörfern pflegen bis heute die Gräber längst verstorbener Verwandten.

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Der Centovallibahn entlang durch die Wildnis

Hinter der alten Kirche von Marone folgen wir dem Weg tief in den Wald hinein. Vorbei an beeindruckenden Brückenbauwerken der Centovallibahn, führt der Wanderweg in einem abwechslungsreichen Auf und Ab in Richtung Verigo. Der letzte Abschnitt nach Trontano gleicht einem Katzensprung und bietet nochmals interessante Einblicke in Weinberge und historische Mühlen.

Obwohl das Tal auf den ersten Blick nur aus undurchdringbaren Wäldern besteht, bietet es dem aufmerksamen Wanderer viele überraschende Trouvaillen am Wegrand.

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Die Karte zeigt unseren Routenverlauf. Die Strecke ist rund 13 km lang und führt mit zwei Ausnahmen – einer ca. 300 m Steigung nach Sagrogno und einer Gegensteigung von der Talsohle nach Marone hoch – stetig talwärts. Wir haben rund 4 Stunden benötigt (ohne grössere Pausen). Sowohl der Ausgangspunkt Druogno als auch der Zielort Trontano sind mit der Centovallibahn ab Domodossola oder Locarno erreichbar.

Val-Vigezzo-Wanderkarte

Kartengrundlage Schweiz Mobil

Anita Brechbühl

Hallo ich bin Anita, leidenschaftliche Weltenbummlerin und Hobby-Fotografin. Ich liebe es, neue Flecken auf unserer wunderbaren Welt zu entdecken. Dabei gilt, das Abenteuer beginnt direkt vor der Haustür! So bin ich nicht nur in exotischen Ländern sondern auch oft in der Schweiz unterwegs.

Kommentare

  • Anke Oktober 24, at 09:38

    Schon wieder so eine wunderbare Herbstwanderung!! Und von Locarno gar nicht so weit entfernt, oder? Das ist eine schöne Idee für einen kleinen Tagesausflug, wenn wir endlich mal wieder in der Schweiz sind. Wir haben deinen tollen Blog auf jeden Fall schon als Quelle der Inspiration wenn wir in der Schweiz unterwegs ist :-)

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  • Nadine Oktober 24, at 17:49

    Wunderschöne Gegend und eine tolle Bilder! Danke für den Input :o)

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  • Mark Howells-Mead Oktober 25, at 10:45

    Beeindruckend schön. Ich rege mich normalerweise hier auf, wie lange es noch bis ins Tessin geht und wie schmal die Strasse ist. Aber offensichtlich lohnt es für einen eigenen Besuch.

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  • Christoph Eicher August 29, at 13:09

    Hallo Anita, ganz tolle, landschaftlich wunderschöne und erlebnisreiche Wanderung, die wir am 27.8.18 bei herrlichem Wetter gelaufen sind. Ein paar Anmerkungen noch: Der steile Waldweg "M 09" von Druogno hoch nach Sagrogno verlangt derzeit nach etwas "Pfadfindergeist", denn der Einstieg neben einem Garten ist ziemlich zugewachsen, im Aufstieg nach oben ist der Pfad eher schwach zu erkennen, manchmal auch leicht überwuchert; hier müsste mal ein "Wegewart" ein paar Äste abschneiden und ein paar Farbpunkte hinterlassen. Ab den Trockensteinmauern ist's dann leichter zu finden. Ab Sagrogno inzwischen absolut genügend Wegweiser, Richtung Coima fast schon inflationär viele Markierungen... Die Kappelle des einsamen, verlassenen Häuschens Baione zwischen Albogno und Coimo ist sehr schön restauriert worden. Danke für diesen tollen Wandertipp!!!

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    • Anita Brechbühl August 29, at 13:14

      Hoi Christohph besten Dank für dieses Feedback zum aktuellen Wegzustand - freut mich, dass euch die Wanderung gefallen hat!

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