Lais da Macun – upps, vom Weg abgekommen

Lais da Macun – upps, vom Weg abgekommen

Sollen wir oder lassen wir es bleiben? Unschlüssig studieren wir die dichten Wolken am Himmel und die verschiedenen Wetter-Apps. Jede Prognose lautet anders. Bei manchen regnet’s bereits um 11 Uhr, bei anderen erst ab 15 Uhr. Und auch in der erwarteten Menge haben wir die ganze Bandbreite zur Auswahl. Grundsätzlich mag ich düsteres Wetter beim Wandern. Vorbeiziehende Wolken können die Stimmung im Minutentakt verändern und das finde ich extrem faszinierend. Nur andauernde Regengüsse sind im hochalpinen Bereich nicht unbedingt spassig und gerade das wäre der Plan: hoch hinauf zu den Lais da Macun. Das einzigartige Seenplateau liegt auf über 2‘700 m ü. M. hoch über Lavin und bildet die einzige Enklave und den jüngsten Teil des Schweizerischen Nationalparks.

Irgendwann fassen wir uns ans Herz und entscheiden, trotz der unsicheren Wetterlage die Tour hoch zu den Seen zu wagen. Hinauf zum Plateau kommt man entweder von Lavin oder Zernez her. Die normale Route ab Zernez dauert je nach Gehtempo zwischen 7 bis 9 Stunden. Wir verkürzen die Tour um zwei, drei Stunden in dem wir in Zernez den Macun-Shuttle nehmen. Der privat betriebene Taxibetrieb fährt auf Voranmeldung ab dem Bahnhof Zernez bis hoch zur Hütte bei „Plan Sechs“ (siehe Planausschnitt). Das erspart einem einige anstrengenden Höhenmeter. Der Taxi-Service kostet bis zu drei Personen 75 CHF (gesamthaft). Bei einem Maximum von 8 Personen reduzieren sich die Kosten auf 16 CHF / Person.

Über Stock und Stein

Nach einer rund 20 minütigen, holperigen und abenteuerlichen Fahrt auf Kieswegen den steilen Lärchenwald hinauf erreichen wir „Plan Sechs“. Ab jetzt ist unsere eigene Muskelkraft gefragt. Wir marschieren los und sind dank den von Zeit zu Zeit durchscheinenden Sonnenstrahlen zuversichtlich, dass sich das Wetter noch tapfer hält. Während dem Aufstieg zum Munt Baselgia, halten wir immer wieder Inne um kurz zu verschnaufen und die prächtige Weitsicht in Richtung Oberengadin und Ofenpass zu bewundern.

Die letzten Höhenmeter hoch zum Gipfel auf beinah 3‘000 m ü. M. haben es in sich. Grosse Felsbrocken müssen überwunden werden. Mit Händen und Füssen kämpfe ich mich langsam aufwärts. Trittsicherheit und ein gewisses Mass an Schwindelfreiheit (das bei mir auch nicht immer ganz so ausgeprägt ist, wie es sein sollte) sind auf diesem Streckenabschnitt ein Muss. Nach rund zwei Stunden stehen wir auf dem Gipfel. Leider hat sich das Wetter in Nullkommanichts dermassen verschlechtert, dass wir die Macun-Seen unter uns nur noch knapp erahnen können. Nach einer kurzen Notiz ins Gipfelbuch, das beim Steinmannli in einer Gamelle versteckt liegt, wandern wir weiter.

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Im Nebel verwandert

Der Abstieg zur Seenplatte hat es in sich. Der Grat über Macun ist in Nebel gehüllt. Wir balancieren vorsichtig über die grossen Steinblöcke. Gemäss Karte führt der Weg nach einem kurzen Schwenker gegen rechts geradeaus zu den Seen. Easy, oder? Doch plötzlich verlieren wir die rot-weiss gestrichenen Wanderwegmarkierungen aus den Augen. Weder vor uns noch rechts oder links von uns einen Anhaltspunkt, wo der Weg weiterführen könnte. Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch beschliessen wir, eine Richtung einzuschlagen und darauf zu hoffen, dass es die Richtige ist. Nach einer Odyssee über Stock und Stein lichtet sich der Nebel für einen kurzen Moment. Zum guten Glück, denn wir sind selbstverständlich in die falsche Richtung marschiert (trotz Kompass-Check und Karte).

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Macunseen – Natur pur

Wieder zurück auf dem Wanderweg erblicken wir endlich vor uns den Lai da Sura und etwas weiter hinten den Lais d’Immex. Selbst bei der düsteren Stimmung und der langsam einsetzenden Regentropfen ein wunderschöner Anblick. Da sich das Wetter auf einmal schneller als erwartet verschlechtert, verzichten wir auf den Zusatzschlenker zum Lai dal Dragun und beginnen nach einem kurzen Schoggi-Stärkungs-Stopp mit dem Abstieg in Richtung Lavin.

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Farbenfroh talwärts

Die einzelnen Regentropfen weichen im Nu einem strätzenden Regenguss. Dem kann auch unsere gute Kleidung kaum Stand halten. Nachdem sich auch die Wege in kleine Sturzbäche verwandeln, folgt auf jeden Tritt ein glucksendes Geräusch aus den Wanderschuhen. Halleluja, mit pflotschnassen Wanderschuhen talwärts wandern, ist definitiv nicht gerade das, was man sich wünscht. Zum Glück tröstet das kunterbunte Farbenspektakel vor uns etwas über die Tatsache hinweg, dass uns das Wetter einen kleinen Streich gespielt hat.

Knapp zwei Stunden später, wir haben gerade unterhalb der Alp Zeznina Dadaint den schützenden Wald erreicht, lässt der Regen nach. Auf dem letzten Abschnitt stattet uns dann sogar die Sonne noch einen kurzen Besuch ab. Am Bahnhof Lavin unten erinnern uns nur noch die nassen Füsse an den Regenmarsch. Der Rest der Kleider ist beinah schon wieder vollständig trocken. Einmal mehr hat das Wetter aber bewiesen, dass es in den Bergen klar die Oberhand hat und gute Ausrüstung (insbesondere Kartenmaterial) unerlässlich ist. Wie lange wir wohl den richtigen Weg gesucht hätten, wenn sich der Nebel nicht kurz erbarmt hätte?

Dennoch bin ich froh, dass wir uns trotz Wetter-Kapriolen für die Wanderung entschieden haben. Weil die Engadiner Bergwelt macht im Hebstgewand auch bei Hudelwetter eine gute Figur!

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Die Karte zeigt unseren Routenverlauf. Die Strecke ist rund 13 km lang und beinhaltet ab „Plan Sechs“ eine Steigung von 750 Höhenmetern und ein Gefälle von rund 1’550 Höhenmetern. Die reine Laufzeit beträgt rund 5.5 Stunden. Wer von Zernez alles selbst hochläuft, der muss bis zum Gipfel insgesamt 1’450 Höhenmeter bewältigen. Den Ausgangspunkt Zernez erreicht man mit der Rhätischen Bahn. Das Macun-Taxi befindet sich gleich gegenüber der Postautohaltestelle am Bahnhof. Lavin ist ebenfalls mit der Rhätischen Bahn erschlossen.

Anita Brechbühl

Hallo ich bin Anita, leidenschaftliche Weltenbummlerin und Hobby-Fotografin. Ich liebe es, neue Flecken auf unserer wunderbaren Welt zu entdecken. Dabei gilt, das Abenteuer beginnt direkt vor der Haustür! So bin ich nicht nur in exotischen Ländern sondern auch oft in der Schweiz unterwegs.

Kommentare

  • Alexander Coursow Oktober 20, at 14:49

    Schönes Abenteuer, das du erlebt hast. Bei gutem Wetter kann aber auch jeder reisen. Die Fotos gefallen mir besonders gut. Weiterhin gute Reise und sonnige Grüße aus Buenos Aires, Alexander :)

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  • Anke Oktober 20, at 16:41

    Liebe Anita,wow, wow, wow, großer Wahnsinn was du erlebt hast und die Tour hat es ja wirklich in sich gehabt. Ein großes Kompliment an deine Bilder, ich schau hier immer auf deinem Blog vorbei wenn ich mich so richtig in Herbststimmung zaubern will. Ganz toll sieht das aus, diese goldgelb leuchtenden Wälder. Wunderschön. Wanderungen mit Schwindelfreiheit sind bei uns immer so eine Sache, da mein Mann Probleme mit der Höhe und dem eben einsetzenden Schwindel hat. Aber eure Bilder trösten über so manches verpasste Wandererlebnis hinweg.Herzliche Grüße Anke

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    • Anita Brechbühl Oktober 20, at 18:14

      Danke Anke, das freut mich! Ich kämpfe auch immer etwas gegen die Höhenangst, aber der Kampf lohnt sich zum Glück meistens :)

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  • Robin November 06, at 20:09

    Super Bilder! Was für eine Kamera benutzt du und wieviel Zeit investierst du für Nachbearbeitung?Mit freundlichen Grüßen, Robin

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    • Anita Brechbühl November 07, at 14:05

      Vielen Dank Robin. Wir fotografieren mit einer Canon 5D mk III und einer Sony RX100. Für die Nachbearbeitung benötigen wir ca. 1-3 Minuten pro Bild, da wir pro Beitrag mit demselben Lightroom-Preset arbeiten

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