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Hüttenwandern im Aostatal: 2 Gipfelhighlights am Alta Via 1

Gerade mal 20 Kilometer Luftliniendistanz trennen uns von Zermatt und trotzdem sind wir eine gefühlte Weltreise vom Schweizer Ferienort entfernt. Hier im Val d’Ayas, einem Seitental der Region Aostatal, befinden wir uns am Südfuss des Monte-Rosa-Massivs. Um von hier auf direktem Weg nach Zermatt zu gelangen, sind Hochtourenkenntnis und Bergerfahrung gefragt. Dieses Abenteuer sparen wir uns für ein andermal auf.

Fürs Erste haben wir uns für die bequeme Anreise-Art via Grosser Sankt Bernhard entschieden. Knapp zwei Stunden dauert die Autofahrt von Martigny bis in den hintersten Zipfel des Val d’Ayas. Verbindungen mit dem öffentlichen Verkehr sind auf dieser Strecke lückenhaft, daher ist zumindest auf Teilstrecken ein Auto, beziehungsweise ein lokales Taxi unabdingbar. Doch hat man diesen abgelegenen Zipfel Norditaliens einmal erreicht, dann wird man mit einer grandiosen hochalpinen Kulisse belohnt. Und obendrauf weiss das Val d’Ayas auch mit regionalen Köstlichkeiten und traditionsreichen Dorfstrukturen zu begeistern.

Die legendären Höhenwege des Aostatals

Die Idee, im Frühsommer eine Hüttenwanderung entlang einer der beiden legendären Höhenwege des Aostatals zu unternehmen, war bereits ausgereift, als Corona kam und nahezu all unsere Reisepläne über den Haufen rührte. Lange ging ich davon aus, dass auch unsere Wanderung im Aostatal zum Corona-Opfer deklariert werden muss. Doch mit den sich wieder öffnenden Grenzen, den Schutzmassnahmen und in Anbetracht der Tatsache, dass wir uns mehrheitlich draussen mit viel Abstand bewegen werden, entschieden wir uns Ende Juni, die Tour wie geplant umzusetzen.

Das Aostatal gilt unter Kennern als Wanderparadies sondergleichen und bietet mit dem Alta Via 1 und 2 einen 31-tägigen regionsumspannenden Höhenweg.

Der Alta Via 1 startet in Donnas und führt von dort via Val d’Ayas und Valtournenche am Fusse der mächtigen Viertausender entlang bis nach Courmayeur. Dort beginnt der Alta Via 2, der auf der anderen Talseite durch Italiens ältesten Nationalpark Gran Paradiso zurück nach Donnas führt. Alle Etappe tönen extrem «gluschtig» und dementsprechend war ich froh, dass ich für den Einstieg auf die ortskundigen Tipps von Wanderführerin Anna Ravizza zurückgreifen konnte. Zum Einstieg nahmen wir uns die Etappen 7 und 8 des Alta Via 1 vor und reicherten diese mit zwei Gipfelerlebnissen an. Das Resultat: zwei absolut fantastische Wandertage! Nachahmung ausdrücklich empfohlen – aber wie ihr gleich sehen werdet, wurden wir auch mit einem Traumwetter beglückt.  

Hüttenübernachtung Nr. 1: Rifugio Ferraro

Für den Transfer zu unserem Ausgangspunkt in Champoluc im Val d’Ayas greifen wir auf das lokale Taxiunternehmen 7 Alps zurück. Taxis sind hier das übliche Fortbewegungsmittel von Berg- und Skitourengänger, die sich zwischen den abgelegenen Alpentäler im Grenzgebiet Italien/Wallis bewegen und nicht mit dem eigenen Auto unterwegs sind und keine Ewigkeiten auf passende öV-Verbindungen warten möchten.

Die erste Nacht verbringen wir im Rifugio Ferraro, das eine knappe Wanderstunde oberhalb von St-Jacques am Ende des Val d’Ayas liegt und zu Fuss auch bei späterer Anreise noch sehr gut erreichbar ist. Das Rifugio Ferraro ist Teil einer historischen Walsersiedlung. Wie im Wallis siedelten sich auch im Val d’Ayas im frühen Mittelalter die Walser an und so finden sich auch hier manche typischen braun gebrannten und teils windschiefen Spycher.

Rifugio Ferraro Resy

Das Rifugio Ferraro gefällt uns auf Anhieb. Es gibt hier keine grossen Massenschläge, sondern kleinere Zimmerstrukturen. Wir erhalten ein 4er Zimmer mit Talblick für uns allein und sind begeistert, dass es sogar mehrere kleinere Badezimmer mit Duschen gibt. Schon fast Luxus. Ebenso überzeugend ist das Abendessen. Wie in Hütten üblich, wird hier ein 3-gängies Menü serviert bestehend aus Vorspeise, Hauptgang und Dessert serviert. Am Mittag ist das Rifugio Ferraro aufgrund seiner weitum bekannten Küche aber auch ein beliebtes Tagesausflugsziel.

Sowohl das Essen, als auch der Panoramablick über das Val d’Ayas sind hier erstklassig – wer dem Höhenweg folgt, der sollte sich somit zweimal überlegen, ob er die Route nicht so adaptieren möchte, dass er hier übernachtet.

Abendstimmung Val d'Ayas

Via Palon de Résy und Lago Blu nach St-Jacques

Vom Rifugio Ferraro führt die Alta Via 1 nämlich talwärts nach St. Jacques und danach auf der anderen Talseite wieder gut 800 Höhenmeter hinauf zum Rifugio Grand Tournalin. Bevor wir uns aber in diese Richtung begeben, wollen wir noch den Hausgipfel des Rifugio Ferraro in Angriff nehmen – den Palon de Résy auf 2’675 m ü. M.. Der knapp zweistündige Aufstieg über einen schmalen Bergweg, der im ersten Teil durch einen Lärchenwald führt, der später in eine alpine Graslandschaft übergeht, wird mit einer phänomenalen Rundsicht vom Breithorn über die Dufourspitze bis weit ins Aostatal hinaus belohnt. Grandios!

Rifugio Ferraro Hütte im Aostatal
Wanderungen Val d'Ayas
Morgenstimmung in Résy
Monte Rosa Aostatal
Panorama Palon de Résy

Auf dem Rückweg lohnt sich ein kurzer Abstecher zur den Lacs de Résy. Danach geht’s auf dem gleichen Weg zurück zum Rifugio Ferraro, wo sich die Panoramaterrasse zwischenzeitlich mit Tagesausflüglern gefüllt hat. Für uns geht’s nun talwärts weiter. Oben vom Palon de Résy hat uns der türkis schimmernde Lago Blu am Ende des Grand Glacier de Véraz derart neugierig gemacht, dass wir spontan noch einen zweiten Abstecher in diese Tour einbauen und via Plan Véraz die gut einstündige Zusatzschleife zum Lago Blu/Lac Bleu in Kauf nehmen.

Aufstieg zum Lac Bleu
Talende Val d'Ayas
Val d'Ayas Wandern

Aufgrund seiner guten Erreichbarkeit und der spektakulären Lage ist der Lago Blu ebenfalls ein beliebtes Wanderziel bei Tagesausflüglern. Einsamkeit sollte man hier hinten an einem prächtigen Sommersonntag somit nicht erwarten – aber der Abstecher lohnt sich dennoch sehr. Ich war auf jeden Fall restlos begeistert ab diesem schroff-schönen Talabschluss.

Blick auf Lac Bleu
Wanderung Lac Bleu Breithorn

Hüttenübernachtung Nr. 2: Rifugio Grand Tournalin

Gut eine Stunde sind es zu Fuss vom Lago Blu bis ins Walserdorf St-Jacques. Gemäss Routenbeschrieb der Alta Via geht es im Anschluss von hier nochmals rund 2.5 Stunden hoch zum Rifugio Grand Tournalin. Wir haben das Glück, dass wir mit dem Hüttenwart mitfahren können. Zum Rifugio Grand Tournalin führt nämlich eine Kiesstrasse, die mittels 4×4 befahren werden kann. Das Hüttenteam nutzt die Strecke regelmässig für Einkäufe und Entsorgungen – und so können sich spontane Mitfahrgelegenheiten ergeben.

Das Rifugio Grand Tournalin liegt in einem Kessel umgeben von einer Kette an Dreitausendern inklusive dem Grand Tournalin als krönenden Abschluss. Im Gegensatz zum Rifugio Ferraro ist hier das klassische Hüttenfeeling deutlich spürbar. Die Zimmer sind zwar auch kleiner gehalten (wir sind wiederum in einem 4er-Zimmer) und Duschen gibt es ebenfalls – im Rifugio Grand Tournalin werden aber Jetons benötigt und die Zeit ist auf 3 Minuten beschränkt (was in dieser Höhe mit limitiertem Quellanschluss natürlich absolut sinnvoll ist).

Direkt hinter der Hütte versteckt sich ein kleiner Bergsee, der ein lohnendes Ziel für einen abendlichen Verdauungsspaziergang darstellt.

Rifugio Grand Tournalin
Grand Tournalin Landschaft

Sonnenaufgangstour auf den Mont Brun/Monte Croce

Das grosse Plus von Hüttenübernachtungen in Gipfelnähe sind die Sonnenaufgangstouren. Knapp eine Stunde dauert der Aufstieg vom Rifugio Grand Tournalin bis auf den Mont Brun auf 2’895 m ü. Meer (je nach Karte wird der Mont Brun auch als Monte Croce bezeichnet). Der Aufstieg ist zwar steil, aber der Weg ist durchwegs gut ausgebaut und es gab nur einige wenige Stellen, wo ich kurz meine Hände zu Hilfe nehmen musste (Schwierigkeit T3).

Ist der Gipfel einmal erreicht, blickt man auf ein Bergpanorama, das quasi das «who’s who» der Walliser Alpen ist. Matterhorn – Breithorn – Monte Rosa – Dufourspitze. You name it! Ein absolut lohnender Start in den Tag – und wer wie wir um 5 Uhr startet, ist um 7 Uhr pünktlich fürs Frühstück zurück in der Hütte.

Panorama Monte Brun
Bergseen Grand Tournalin

Über den «Alta Via Nr. 1» retour nach Champoluc

Während ich auf dem Gipfel des Mont Brun dachte, das wäre mein Tageshighlight gewesen, werde ich auf der anschliessenden Wanderung entlang der Alta Via talwärts Richtung St-Jacques/Champoluc eines Besseren belehrt. Wow, ist das ein bezaubernder Wegabschnitt. Wir durchqueren blühende Alpenwiesen, folgen einem sprudelnden Bergbach, passieren Feuchtwiesen und kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Berglandschaft im Aostatal
Bergwelt Aostatal

Analog zum Vortag beschliessen einmal mehr eine Zusatzschlaufe einzubauen und wählen den Abzweiger Richtung Metsan (Routennummer 31) und stechen erst dort via Mandriou talwärts nach Champoluc. Das schöne an dieser Routenvariante ist, dass man zu einem beim Lago Lochien (einem kleinen «Sumpfsee») nochmals einen tollen Blick auf das Monte-Rosa-Massiv geniesst und andererseits auf Höhe der Alpe Metsan (einem Agriturismo) einen Blick auf die fürs Tal typischen Wasserkanäle (ähnlich der Bisse im Wallis) erhält.

Panorama Aostatal Val d' Ayas
Wanderung Alta Via 1 Aostatal
Champoluc Val d'Ayas

So oder so, die Wandermöglichkeiten im Val d’Ayas sind unglaublich vielfältig und die Wege sind auch super ausgeschildert. Im Notfall kann man sich – Schweiz-Nähe sei Dank – auch mit der SchweizMobil App orientieren. Wir spielen auf jeden Fall schon mit dem Gedanken, einen weiteren Wander-Abstecher ins Aostatal zu unternehmen – dann aber in Richtung Grand Paradiso.

Praktische Tipps fürs Wandern im Aostatal

  • Es gibt ab Martigny ein- bis zweimal täglich direkte Postautoverbindungen (mit Zuschlag) über den Grossen Sankt Bernhard nach Aosta. Von Dort kommt man mit dem Zug weiter bis nach Chatillon. Spätestens ab Chatillon empfiehlt sich ein Taxi. Alternativ gibt es verschiedene Taxiunternehmen die grenzüberschreitende Transfers anbieten für alle, die nicht mit einem Privatauto anreisen.
  • Im Val d’Ayas verkehren zwei kostenlose Busrundkurse (40’-Takt), die die Dörfer gut miteinander verbinden.
  • Eine Übersicht zu den beiden Höhenwegen Alta Via 1 und 2 findet ihr auf der Website von Aostatal Tourismus: Trekking auf dem Höhenweg
  • Die Übernachtung im Rifugio Ferraro kostet inkl. Halbpension 55 Euro pro Person. Im Rifugio Grand Tournalin variiert der Preis je nach Saison zwischen 48 und 50 Euro pro Person. Beide Hütten sind sowohl telefonisch als auch per Mail erreichbar.
  • Leider ist es nicht so einfach, online gutes Kartenmaterial/Routenbeschriebe zu finden. Vor Ort sind Wanderkarten im Tourismusbüro (Route Varasc, 16 in Champoluc) erhältlich. Die Beschilderung der Wanderwege ist aber sehr gut.
  • Wer auf einen ortskundigen Guide (für die verschiedensten Aktivitäten von Wandern über Trekking bis zu Biken und Kayaken) zurückgreifen möchte, der ist bei der lokalen Agentur Patta Libra gut aufgehoben. Uns hat am ersten Tag Wanderguide Anna Ravizza auf den Palon de Résy begleitet und uns unterwegs einen super Überblick über die Wandermöglichkeiten im Tal geboten. Auf der Website von Patta Libra findet ihr auch diverse Wandervorschläge mit Zeitangaben.
  • Die meisten Einheimischen im Val d’Ayas verstehen sehr gut Französisch.
  • Wer vor oder nach der Hüttenwanderung einen Einblick in die lokale Küche erhalten möchte, der ist im Ristorante Le Petit Coq gut aufgehoben.

Unser Abstecher ins Aostatal wurde von der Tourismusorganisation Valle d’Aosta unterstützt. Wie immer sind alle Eindrücke und Meinungen die unseren.

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