Wanderung zwischen Ftan und Guarda

Das Engadin bildet im Herbst eine wundervolle Kulisse für ausgedehnte Spaziergänge und Wanderungen. Wenn sich die Weiden langsam von sattgrün zu bräunlich färben, die Lärchen im knallig-gelben Kleid erstrahlen und das Korn kurz vor der Ernte steht, bietet das Dach Europas, wie das Engadin auch genannt wird, Postkartenausblicke am Laufmeter. Eigentlich gilt die Region auch als eine der Sonnenverwöhntesten der Schweiz, doch daran wollte sie sich an diesem Wochenende nicht so ganz erinnern. Uns empfängt Ftan am Freitagmittag mit warmen Temperaturen und grossen Schäfchenwolken, hinter denen sich die Sonne versteckt und nur zwischendurch einige Sonnenstrahlen durchscheinen lässt. Nichtsdestotrotz können wir uns dem Charme des Ortes, der insbesondere mit dem Panoramablick auf die gegenüberliegende Talseite mit dem markanten Schloss Tarasp und die sogenannten Unterengadiner Dolomiten besticht.

Für mich ist es der erste Besuch im östlichen Eck des Unterengadins. Deshalb habe ich mir für den ersten Nachmittag eine Wanderroute ausgesucht, bei der sowohl die landschaftlichen Ausblicke als auch die kulturellen Einblicke in die Unterengadiner Bergwelt nicht zu kurz kommen. Eine interessante kulturhistorische Route ist der Jakobsweg Graubünden, der in 250 Kilometer, eingeteilt in 20 Etappen, von Müstair-Lü bis nach Amsteg führt. Die vierte Etappe startet in Scoul, steigt steil nach Ftan an und endet in Guarda, das Dorf des Schellenursli.

Wir starten die Route in Ftan und umgehen so klammheimlich die 800 Höhenmeter von Scoul nach Ftan. Sobald das Hochplateau erreicht ist, führt der Jakobsweg mehrheitlich eben den Höhenlinien entlang.

paradies-1 Ftan-herbst Unterengadiner-Dolomiten Ausblick-Engadin Herbst-Engadin Engadin-Natur Unterengadin-Jakobsweg

Nach der Überquerung des Tasnan-Baches führt der Wanderweg an einer Ruine einer Herberge aus dem 9. Jahrhundert vorbei und fällt danach in Richtung Ardez leicht ab. Die von Weitem sichtbare Ruine der Burg Steinsberg, die hoch über Ardez thront, ist eines der Wahrzeichen des Unterengadins. Der Jakobsweg würde hier eigentlich einige Höhenmeter in den Dorfkern von Ardez hinunterführen. Wir entscheiden uns spontan, die Höhenmeter zu verteidigen und stattdessen dem Weg weiter geradeaus zu folgen. Die beiden Wege kreuzen sich nach Ardez sowieso wieder.

Ardez-Tasnan Wanderweg-Engadin Unterengadin-Jakobsweg-2 Ardez-Ruine-1 Ardez-Ruine-2 Ardez-Ruine-Steinsberg Engadin-Kuh

Kaum haben wir Ardez hinter uns gelassen, erspähen wir vor uns bereits den aufgrund seiner Jakobsquelle „Funtauna da San Giacun“ bekannten Weiler Bos-cha. Leider wechselt der Wanderweg hier von Kies- und Waldwegen auf die Teerstrasse. Schade, weil auf Teerstrassen macht wandern definitiv nur halb so viel Spass, wie auf naturbelassenen Wegen.

Ardez-Ausblick-Boscha Engadin-Herbst Boscha-3 Boscha-2 Boscha-1

Von Bos-cha bis ans Etappenziel Guarda ist es nur noch ein Katzensprung. Mit einem Blick zurück auf den Weiler vor der mächtigen Bergkulisse, nehmen wir die nächste Flankenumrundung in Angriff. Der Wanderweg verläuft auch hier mit einer kurzen Ausnahme auf der Teerstrasse. Dennoch lohnen sich die 30 Minuten nach Guarda, das vielen aufgrund des bekannten Schellenursli Bilderbuchs der Autorin Selina Chönz und des Künstlers Alois Carigiet ein Begriff sein dürfte. Gerade aufgrund seiner Bekanntheit ist Guarda ein beliebtes Ausflugsziel bei Touristen und dementsprechend stark frequentiert. Beim Durchspazieren entschlüpft mir beinah an jedem Ecken ein entzücktes „Ah“ und „Oh“. Guarda sieht nämlich wirklich wie aus dem Bilderbuch aus. Blumengeschmückte und mit Sgraffiti verzierte Engadiner Häuser bilden perfekte Fotosujets. Wer mit Kindern unterwegs ist, der kann auf dem rund 1.5 km langen Schellenursli-Weg die Geschichte nachwandern (selbstverständlich kann man das auch ohne Kinder ;)).

Boscha-Wanderung Guarda Guarda-2 Guarda-3 Guarda-4 Guarda-5 Guarda-Schellenursli Guarda-6

Die Karte zeigt unseren Routenverlauf. Die Strecke ist rund 10 km lang und beinhaltet eine Steigung von 300 Höhenmetern und ein Gefälle von rund 280 Höhenmetern. Die reine Laufzeit beträgt rund 3 Stunden. Ftan ist ab Scoul mit dem Postauto erreichbar. In Guarda kann man entweder das Postauto zum Bahnhof Guarda nehmen oder selber runterwandern (dauert ca. 30 min). Der Abschnitt zwischen Ardez und Guarda verläuft zu einem grossen Teil auf geteerten Strassen und ist somit kinderwagentauglich aber nicht besonders attraktiv.

Anita Brechbühl

Hallo ich bin Anita, leidenschaftliche Weltenbummlerin und Hobby-Fotografin. Ich liebe es, neue Flecken auf unserer wunderbaren Welt zu entdecken. Dabei gilt, das Abenteuer beginnt direkt vor der Haustür! So bin ich nicht nur in exotischen Ländern sondern auch oft in der Schweiz unterwegs.

Kommentare

  • Neni Oktober 13, at 12:36

    Der Ort ist auf jeden Fall einem Märchen entsprungen!

    Antworten
  • Chregu Oktober 14, at 20:20

    Hallo Anita, Ich beobachte Deinen Blog schon seit längerem und lese auch regelmässig Deine Berichte. Du schreibst sehr erfrischend und Deine Fotos sind genial. Ich freue mich auf weitere Berichte von Dir und weiterhin gutes Reisen! Lieber Gruss von einem anderem Blogger, Chregu

    Antworten
    • Anita Brechbühl Oktober 14, at 20:51

      Lieber Chregu danke für deinen Kommentar, das freut mich :) p.s. das Biken habe ich noch nicht so für mich entdeckt... aber wer weiss... ;)

      Antworten
  • Kronenberg Oktober 20, at 14:05

    Wir haben die Wanderung in leicht abgeänderter Form gemacht: Lavin-Guarda-Ftan. Danke für den Tipp, es ist eine wunderschöne Gegend und die Dörfer sind wirklich zum dahinschmelzen! Übrigens: ein Abstecher runter ins Dorf nach Ardez lohnt sich! ;-)

    Antworten
  • Ingrid September 25, at 12:50

    Lovely photos of a beautiful region. Thanks for sharing. A little homesickness is good to warm the heart from time to time!

    Antworten
  • lexi April 08, at 18:06

    es gibt einen höheren weg von ardez nach guarda, natur pur

    Antworten
  • Phil Dezember 01, at 21:10

    Wiedermal auf Deinem Blog unterwegs und kann nur sagen: Einfach fantastisch, die Ziele und die Fotos. Es gibt nicht viele Leute, welche die Schlnheiten unseres Landes so hervorragend in die Welt transportieren. Bitte weiter so! Was mich speziell in diesem Beitrag interessiert: Weisst Du, wie man darauf schliessen konnte, dass es sich um eine Herberge aus dem 9. Jhdt handelt ? Liebe Grüsse Philip

    Antworten
    • Anita Brechbühl Dezember 03, at 06:57

      Hoi Phil danke für deinen Kommentar, das freut mich! Zu deiner Frage: man schliesst aus alten Berichten der via imperiala daraus, dass diese Ruine ihren Ursprung im 9. Jahrhundert hat. Hier findest du weitere Infos dazu https://scuol-zernez.engadin.com/de/regionen-entdecken/ardez/ruine-chanoua

      Antworten

Antworten