50 Meter Überwindung: der steile Weg zum Gipfelglück

50 Meter Überwindung: der steile Weg zum Gipfelglück

«Denk nicht so viel!», meint Bergführer Christoph Stern, der sich einen Meter oberhalb von mir lässig an den Fels lehnt und das Seil spannt. Das würde ich gerne. Aber eben, alles Kopfsache. Und mein Kopf will nicht.

«boah, ist das steil!
Wo stelle ich meinen Fuss als nächstes hin?
dahin?!
Das geht nicht!
und jesses, da komme ich nie mehr runter!»

«Dann seil ich dich ab», meint Christoph mit einem Grinsen. Zugegebenermassen, Christoph kann nichts dafür, dass ich mich hilflos am Fels klammere und meine Seilschaft bestehend aus Freund und Bergführer mit meinem Gekeife unterhalte. In diese Situation habe ich mich alleine hineinmanövriert. Ich wollte nämlich unbedingt auf die Rinnenspitze, die eigentlich als leichter Dreitausender im Stubai gilt. Als ich  die Tour im Internet recherchierte, merkte ich rasch, dass mir die letzten paar Meter zum Gipfelkreuz zum Verhängnis werden könnten.

Gestartet hatte der Tag vielversprechend. Kurz vor halb sieben Uhr in der Früh starten wir die Tour zusammen mit Christoph in Oberissalm im Oberbergtal auf 1’750 m ü. M.. Vor uns liegen knapp 1’300 Höhenmeter und ein idyllisches Bergtal. Serpentine um Serpentine wandern wir den Steilhang hoch, bewundern die gegenüberliegende Bergflanke und erreichen dreissig Minuten später die Hochebene der Alpeinalm. Hier öffnet sich der Blick zur Franz-Senn-Hütte, wo wir uns nach weiteren dreissig Minuten Marschzeit mit Müesli und Kaffee für die nächsten 800 Höhenmeter stärken.

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Das Wetter weiss nicht, was es will. Eigentlich hatten die Vorhersagen prächtigstes Sommerwetter versprochen, stattdessen weht ein kühler Wind und Nebelschwaden ziehen zügig vom Tal herauf.

Punkt acht Uhr nehmen wir den Aufstieg zur Rinnenspitze in Angriff. Wir wandern flott nördlich der Franz-Senn-Hütte Richtung Rinnensee bergwärts und stehen bald vor dem ersten Schneefeld. Aufgrund der tiefen Temperaturen hält sich der Schnee hartnäckiger als gedacht. Ich bin froh, einen ortskundigen Führer vor mir zu haben. Teilweise ist der Bergweg aufgrund des Neuschnees kaum sichtbar. Je höher wir steigen, desto beeindruckender erscheint das Panorama auf die umliegende Bergwelt. Immer im Blick bleibt der noch teilweise zugefrorene Rinnensee, der hauptausschlaggebend dafür war, dass ich unbedingt auf die Rinnenspitze wollte. Es ist nämlich der einzige der «Seven Summits Stubai», der sich in einem Bergsee spiegelt. Aber eben, das nützt natürlich wenig, wenn sich die Landschaft mitten im Juli frisch überzuckert präsentiert.

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Ich wusste, dass ich genügend Kondition mitbringe, um die 1’300 Höhenmeter rein physisch zu bewältigen. Ich war mir aber auch bewusst, dass die letzte Passage nicht mein Ding sein wird. Als wir kurz vor zehn Uhr den Punkt erreichen, wo der einfache mit Stahlseilen und Eisentritten versehene Klettersteig beginnt, bin ich noch guten Mutes. Doch die Zuversicht hält nicht lange. Keine zwei Schritte später spielt mein Hirn verrückt. Und jetzt mal ehrlich! Das nervt mich total. Insgeheim wäre ich gerne cool wie Christoph, der die Tritte so locker nimmt, als wäre vor ihm ein normaler Weg. Aber eben. Irgendwann gebe ich mir einen Ruck, stoppe mein sinnloses Geschwafel und suche ernsthaft nach dem nächsten Tritt. Langsam arbeiten wir uns den Klettersteig hoch. Teilweise geht es überraschend leicht. Bevor Euphorie ausbricht, stehe ich vor der nächsten verzwickten Schlüsselstelle. Nach 45 Minuten ist es geschafft! Wir haben die finalen 50 Höhenmeter überwunden und stehen auf dem Gipfel. Das triumphale Gefühl bleibt aus, weil uns in der Zwischenzeit die Wolkenschicht wieder eingeholt hat und das Bergpanorama verhüllt. Ich hätte halt doch schneller klettern müssen.

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Meine Sorge, nie mehr vom Gipfel runter zu kommen, löst sich beim Abstieg in Luft aus. Beinahe flink wie ein Wiesel (im Vergleich zum Aufstieg) bewältige ich die Klettersteig-Partie. Nach einem kurzen Abstecher zum Rinnensee wandern wir talwärts zur Frenz-Senn-Hütte, wo wir für eine feine Portion Tiroler Gröstl einkehren. Auch wenn es ein innerer Kampf war, die Bergtour zur Rinnenspitze hat wahnsinnig viel Spass gemacht und mir einmal mehr gezeigt, dass es gut ist, sich Herausforderungen zu stellen. Ich denke nämlich bereits über eine weitere Klettersteig-Tour nach. Mal schauen, wie fest ich meinen Abenteuergeist bei der ersten heiklen Stelle am Fels verfluchen werde.

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Die Seven Summits im Stubaital

Die «Seven Summits Stubai» sind sieben markante Gipfel im Stubai, die alle in ihrer Art prägend für das Tal sind und einen Eindruck hinterlassen. Vom Elfer (2’505 m ü. M.) über die Rinnenspitze, die knapp die dreitausend Höhenmeter überschreitet bis zum Zuckerhütl auf 3’500 m ü. M. ist für jeder ein passender Gipfel mit dabei. Zu den Einfachen gehören der Elfer und der hohe Burgstall. Für die Serles, den Habicht und die Rinnenspitze sind Kondition und Schwindelfreiheit nötig. Fürs Zuckerhütl und den Wilden Freiger müssen Gletscherpassagen überwunden werden. Auf jedem der sieben Gipfel gibt es einen Stempel, um den Nachweis erbringen zu können, dass man oben war. Wer alle sieben Berge bewältigt, erhält eine Trophäe.

Tourentipps für die Rinnenspitze

Die Tour zur Rinnenspitze ist eine Tageswanderung mit Startpunkt beim gebührenpflichtigen Parkplatz auf der Oberissalm. Für den Aufstieg sind rund 3.5 bis 4.5 Stunden einzurechnen. Wir benötigten bis zum Gipfelkreuz exakt 3.5 Stunden. Wenn ich nicht so viel Zeit auf dem Klettersteig vertrödelt hätte, hätten wir den Aufstieg in drei Stunden geschafft. Der Abstieg erfolgt auf dem gleichen Weg wie der Aufstieg. Wer die Tour ohne Bergführer macht, sollte zur Sicherheit ein Klettersteig-Set für das letzte Stück zum Gipfel mitnehmen.

Unsere Bergtour auf die Rinnenspitze wurde vom TVB Stubai unterstützt. Alle Eindrücke/Meinungen sind wie immer meine eigenen.

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