Wie ich mich in Glurns verguckt habe

Wie ich mich in Glurns verguckt habe

Ein kollektives Raunen geht durchs Postauto. „Ui, passen wir da durch?“, fragt vor uns eine grauhaarige Dame ihren etwas beunruhigt aussehenden Begleiter. Ich selbst fokussiere gebannt das vor uns auftauchende Tor. Atem anhalten, Augen zukneifen und dann erleichtertes Aufatmen. Geschafft! Der Postautochauffeur hat uns gekonnt durchmanövriert. Doch es war Millimeterarbeit. Dass nach der panoramareichen Fahrt von Zernez durch den Schweizer Nationalpark und über den Ofenpass fünf Minuten vor dem Ziel noch ein solches Nadelöhr folgt, hätte ich nicht erwartet. Und kaum sind wir durch das Tor durch blicke ich zurück in die Richtung, von der wir gekommen sind. „Was ist das für ein hübscher Ort und wieso hat man bereits im Mittelalter die Stadttore für Postautos dimensioniert?“

Glurns-Glorenza-Stadttor

Seit diesem Moment sind zwei Jahre vergangenen. Zwei Jahre, in denen meine Gedanken immer mal wieder zu diesem kleinen Ort im Vinschgau geschweift sind. Kaum dreissig Sekunden dauert die Durchfahrt durch den Stadtkern vom Tauferer Tor bis zur Engstelle beim Malser Tor. Genügend Zeit, um mich durch das Postautofenster ein bisschen in diese mittelalterlich erscheinende Stadt zu vergucken.

Und nun zwei Jahre später bleibt mir vorerst die Engstelle erspart. Wir verlassen das Postauto bereits beim Tauferer Tor, um die kleinste Stadt Südtirols genauer unter die Lupe zu nehmen.

Einblicke in die kleinste Stadt des Alpenraums

Die noch vollständige erhaltene Stadtmauer, die Glurns schützend einfasst, liess Kaiser Maximilian I. im 16. Jahrhundert bauen. Dass durch diese engen Gassen einmal Postautos fahren würden, wusste man damals selbstverständlich noch nicht. Aber die breiten Karren, mit denen die Ware in die florierende Stadt transportiert wurde, kamen in etwa auf dieselbe Breite. Doch die Geschichte von Glurns geht noch weiter zurück und ist eng mit der Geschichte des benachbarten Schweizer Münstertals verbunden. Als erste Ansiedlung befand sich das Dorf Glurns im westlichen Teil der heutigen Stadt zwischen Etschbrücke und Malser Tor. Diese Ortschaft unterstand dem Bischof von Chur. Den Churer Bischöfen zum Trotz gründete Herzog Meinhard II. direkt neben dem Dorf Glurns die Stadt Glurns und verlieh ihr 1291 das Markrecht. Auch wenn von den damaligen Stadtmauern heute nichts mehr sichtbar ist, zeugt die Bebauung von den unterschiedlichen Epochen. Da sind zum einen die Stadel und wie zufällig platzierte Einzelbauten im ehemaligen Dorf Glurns und zum anderen östlich des Stadtplatzes – heutiges Bindeglied zwischen Unter- und Oberstadt – die Laubengänge mit edlen Bürgerhäusern, die den von Graf Meinhard neu errichteten Strassenzug säumen.

Wer Glurns besucht, begibt sich als Erstes in den Schludernser Torturm. Dort bietet die Ausstellung „Stationen einer kleinen Stadt“ über drei Stockwerke einen interessanten Einblick in die bewegte Geschichte des Ortes. Eine prägende Persönlichkeit in der Neuzeit war der gebürtige Glurnser Paul Flora. Er hat in Zusammenarbeit anderer engagierter Bürger massgeblich die Sanierung von Glurns vorangetrieben. Da die Stadt als Gesamtensemble unter Denkmalschutz steht, sind Sanierungsprojekte nicht immer einfach umzusetzen. Doch der Einsatz hat sich gelohnt und heute umhüllen die alten Fassaden innovative und nachsichtig umgesetzte Wohnungsbauprojekte.

Doch hier und da bröckelt es nach wie vor und genau das macht den besonderen Charme von Glurns aus. Es ist kein Museum, sondern eine Stadt, die lebt. Wer einen halben Tag Zeit mitbringt, hat genügend Zeit, um jeden Winkel von Glurns zu entdecken. Es lohnt sich. In den engen Gassen gibt’s viel zu sehen. Unter anderem eine alte Stadtmühle, Bauernbetriebe und blühende Hinterhöfe.

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Zweierlei Korn

Für Tradition und Innovation stehen in Glurns beispielhaft zwei Betriebe. Da ist zum einen Bäckermeister Alois Riedl, der uns erklärt, wie die Vinschger zu früheren Zeiten ihr Brot konservierten. Die einstige Kornkammer Tirols hat ein Manko – der beständige Wind. Dieser blies einen in der Erde enthaltenen Bazillius durch das ganze Tal. Das damit infizierte Getreide zieht dermassen Fäden, dass es kaum geniessbar ist. Um dies zu umgehen, wurde das Brot klein und dünn gebacken und in luftigen Gestellen getrocknet. Das sogenannte Vinschger Paarl ist ein schmackhaftes Brot, das zum Beispiel die perfekte Ergänzung eines deftigen Jausetellers ist.

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Obwohl weitläufige Apfelplantagen die Kornfelder zu einem Grossteil abgelöst haben, erleben die alten Produkte ein Revival. Mit lokalem Roggen und Schottischer Technologie tüftelt das Familienunternehmen PUNI Destillerie seit 2010 an einem Whisky. Erfolgreich wohlbemerkt. Diesen Herbst erwartet das Unternehmen einen Meilenstein. Im Oktober kommt nämlich der erste Italian Malt Whisky auf den Markt. Ein Besuch der Destillerie lohnt sich aber schon nur aufgrund des bemerkenswerten Gebäudes des Vinschger Architekten Werner Tscholl. Selbstverständlich haben wir auch die Destillate degustiert. Dabei hat sich herausgestellt, dass ich noch etwas trainieren muss, bis ich die Finessen vom Whisky Vorgänger Puni Alba zu schätzen weiss. Dagegen überzeugt mich der süsse Vinschger Coffee Cream auf den ersten Schluck.

Führungen durch die Puni Destillerie finden jeweils am Mittwoch Nachmittag um 15:00 Uhr und Freitag Morgen um 10:00 statt.

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Postkartenmotive

Die Endstation der Postautoverbindung Zernez – Südtirol ist Mals Bahnhof – keine fünf Minuten nach der brenzligen Durchfahrt durch das Malser Tor. Hier startet die Vinschger Bahn, die Reisende über Meran bis nach Bozen bringt. Ein idealer Ausgangspunkt, um die vielfältige Landschaft des Vinschgaus zu erkunden. Um einen ersten Überblick über das Tal zu bekommen, empfehle ich euch einen Abstecher zum Tartscher Büehl, der direkt vor Glurns liegt. Der kahle Rundbuckel ist eine markante Erhebung und ein sagenumwobenes Gebiet. Ein Schmuckstück ist die im 11. Jahrhundert im romanischen Stil erbaute Kirche St. Veit. Und wer sich bei der Hügelkuppe auf eine Bank setzt, geniesst einen phänomenalen Panoramablick auf Glurns, Mals, die Ortlergruppe. Sogar die Churburg in Schluderns sieht man von hier oben. Für uns gab’s dann am Ende des Tages noch eine Zugabe. Wir kamen nämlich im BioHotel Panorama in den Genuss einer Öko Panorama Wohnraumloggia. Wow! Was für ein Zimmer, was für ein Ausblick und was für eine Badewanne! Ich konnte nicht widerstehen.

Tartsch St-Veit-Mals Churburg-Schluderns Vinschgau-Bergpanorama Vinschgau-Landschaft Mals Bio-Hotel-Panorama-Mals Bio-Hotel-Panorama-Mals-Relaxing

Bonusmaterial für den Heimweg

Der Weg ist auf der Postautofahrt über den Ofenpass effektiv auch das Ziel. Auf der Strecke gäbe es nämlich einige lohnenswerte Stopps. Einen möchte ich hervorheben, da er auch in einem engen Zusammenhang mit Glurns steht. Das Benediktinerinnenkloster St. Johann in Müstair wurde 1983 aufgrund der herausragend erhaltenen Fresken aus der Karolingerzeit in die Liste der UNESCO Weltkulturerbe aufgenommen. Das Museum hat täglich geöffnet (an Sonn- und Feiertagen ist es vormittags geschlossen). Ab 6 Personen findet jeweils eine Führung statt.

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Diese Reise wurde vom Vinschgau unterstützt – vielen Dank hierfür! Meine Leser dürfen wie immer sicher sein, dass ich stets meine Ansichten und Begeisterung vertrete.

Anita Brechbühl

Hallo ich bin Anita, leidenschaftliche Weltenbummlerin und Hobby-Fotografin. Ich liebe es, neue Flecken auf unserer wunderbaren Welt zu entdecken. Dabei gilt, das Abenteuer beginnt direkt vor der Haustür! So bin ich nicht nur in exotischen Ländern sondern auch oft in der Schweiz unterwegs.

Kommentare

  • Ann-Christin April 30, at 19:23

    Hey :) Habe gerade deinen Blog entdeckt und bin ganz verzaubert von deinen tollen Fotos und den unglaublich sympatischen Berichten, die machen gleich Lust zum jeweiligen Reiseziel zu fahren. Leider war ich noch gar nicht in der Schweiz :( Werde aber nächste Woche für einen Tag kurz mal dem lieben Land Hallo sagen. Wenn man fragen darf, Welche Kamera benutzt du? :) Lg Ann-Christin

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    • Anita Brechbühl April 30, at 21:29

      Vielen lieben Dank für deine netten Worte Ann-Christin! Ich benutze meistens die Canon 5d MK III, manchmal auch die Sony RX100. In demfall nächste Woche viel Spass in der Schweiz. Ich hoffe, du wirst einen guten ersten Eindruck haben :)

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  • Chregu April 30, at 21:11

    Und mit jedem Vinschgau Bericht steigt meine Vorfreude auf die letzte Maiwoche...:-) Jetzt weiss ich auch, dass ich mir Glurns etwas genauer anschauen gehen muss. Danke Dir!

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  • klaeui Mai 13, at 19:24

    Wahrscheinlich wurden die Stadttore früher für Reiter und Kutschen und später sicherlich auch für stattliche Postkutschen dimensioniert. Und wenn ich mir jetzt so ein Gaul mit Reiter drauf vorstelle ist das Postauto nicht mehr viel höher ;) Schaut übrigens im neuen Gewand hier ganz chiq aus.

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  • Swissmountainlife März 21, at 21:40

    Liebe travelita, was für ein toller Bericht! Muss auch mal mit meinem Herzblatt dorthin, sind auf dem Weg nach Meran durchgefahren und fand alle Ortschaften bezaubernd! Deine Hammer-Fotos und Dein Bericht machen richtig Lust darauf, dorthin zu fahren! Danke schön!

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  • Adolf Peter Thuile April 01, at 19:36

    Liebe Anita, einmal Südtirol, immer wieder gerne Südtirol!:) Schöne Bilder und große Begeisterung auch bei diesem Bericht. Es ist eine große Freude dir zu folgen und von dir zu lernen. " im garten 9" blüht und duftet es - vielleicht überrascht du uns mit deinem Besuch:) - wir würden uns sehr darüber freuen und bis dahin noch viele spannende Entdeckungen. Herzlichst Eva und Adi

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  • Patrik April 14, at 13:31

    Bin gerade auf Ihren tollen Blog gestoßen. Einfach toll. Und noch etwas, die Bezeichnung Hobby-Fotografin wirkt sehr bescheiden angesichts der zauberhaften Fotos.

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