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Auf Waalwegen den Vinschgau entdecken

Bisses, Suonen, Waale. Dreimal das Gleiche, nur anders genannt. Letztes Wochenende lernten wir, dass der Vinschgau und das Wallis nicht nur in ihrer geografischen Ausrichtung, sondern auch im Bewässerungssystem frappante Ähnlichkeiten aufweisen. Beide Täler sind Ost-West ausgerichtet, mit viel Sonnenschein gesegnet und von hohen Bergketten umgeben. Der Vinschgau ist im Süden von der Ortlergruppe, im Norden von den Ötztaler Alpen und im Westen von den Rätischen Alpen eingefasst. Im Gegensatz zu den Berggipfeln mit ihren Schneefeldern und Gletscherzungen, die jahrein, jahraus mit Niederschlag gesättigt werden, erreichen nur wenige Regentropfen den Talboden. Wie im Wallis hat das milde und niederschlagsarme Wetter schon vor Jahrtausenden Menschen ins Tal gelockt. Und diese zeigten sich schon damals innovativ. Um mit dem Schmelzwasser die trockenen Felder zu bewässern, wurde sowohl im Wallis wie auch im Vinschgau ein einzigartiges System aus Wassergräben geschaffen. Die schmalen Wasserläufe – im Vinschgau „Waale“ genannt – fassen das Schmelzwasser auf und verteilen es in einem verzweigten Netz aus Wassergräben über die gesamte Talschaft. Zu früheren Zeiten wurden damit die Getreidefelder bewässert, was dem Vinschgau den Übernamen „Kornkammer Tirols“ gebracht hat und die wichtigste Lebensgrundlage der Bevölkerung war.

Heute hat der Obstanbau einen Grossteil der Getreidefelder verdrängt und die Bewässerung wird von einem ausgeklügelten und hochtechnologisierten Sprinklersystem übernommen. Auch in diesem Bezug haben das Wallis und der Vinschgau etwas gemeinsam. Zu meinem Erstaunen werden nämlich die Knospen und Blüten als Frostschutzmassnahme mit Wasser besprüht. Dies geschieht vor allem deshalb, weil in beiden Tälern die Blüte aufgrund der milden Temperaturen so früh ansteht, dass die Frostnächte noch nicht vorbei sind. Doch nach wie vor übernehmen die Waale eine wichtige Verteilfunktion. Und so trifft man sich im Frühling traditionell zum „Auftun“. Die Wasserläufe werden im Herbst stillgelegt und füllen sich über den Winter mit herabfallendem Laub und Geäst. Damit das Wasser in der nächsten Saison wieder ungehindert durchläuft, müssen die Waale vor Inbetriebnahme gesäubert werden. Eine Heidenarbeit, die die Gemeinden ohne Mitarbeit der lokalen Bevölkerung kaum stemmen könnte. Früher lag diese Verantwortung in den Händen des Waalers. Er hatte die Funktion des Waals zu gewährleisten und wohnte deshalb meist direkt neben dem Waal in einer Waalerhütte. Entlang der Waaldämme wurden in der Regel Wege – sogenannte Waalsteige – angelegt. Diese waren ausschliesslich für den Waaler gedacht.

Waaler gibt es heute keine mehr und die Steige hat man zu attraktiven Wanderwegen – den Waalwegen – umfunktioniert. Ideale Routen, um die Vinschger Kulturlandschaft zu Fuss zu durchwandern und damit ein Stück Kulturgeschichte zu erleben.

Eine Übersicht der schönsten Waalwege gibt es auf der offiziellen Vinschgau-Seite. Hilfreich zur Routenplanung ist auch die interaktive Karte, die alle Waalwege inklusive Distanz und ungefährer Laufzeit anzeigt.

Schnalser- und Latschanderwaal

Für unsere erste Tour fahren wir vom Ausgangspunkt Mals zuerst 45 Minuten in Richtung Untervinschgau bis nach Tschars. Dank der Vinschger Bahn, die heuer ihr zehnjähriges Jubiläum feiert (nach Wiederaufnahme des Betriebs – die Bahn an sich gibt es schon seit anfangs des 20. Jahrhunderts) und mit Schweizer Rollmaterial unterwegs ist, sind die Dörfer im Vinschgau bestens mit dem öffentlichen Verkehr erreichbar. Rund 200 Hotels, Pensionen und Ferienwohnungen stellen ihren Gästen bei der Anreise die VinschgauCard aus, die die kostenlose Nutzung der Vinschger Bahn und allen weiteren öffentlichen Transportmittel inkludiert. Das Auto kann man also getrost zu Hause stehen lassen.

Während diesen 45 Minuten bestaunen wir die unzähligen Apfelbäume, die in Reih und Glied aneinander stehen und das Landschaftsbild der Talebene dominieren. Je weiter talwärts wir kommen, desto weiter ist die Vegetation. Während sich in Mals erst die Knospen gebildet haben, blühen die Apfelbäume in Tschars bereits in vollster Pracht.

Doch nach der gemütlichen Hinfahrt folgt nun die Pflicht. Zuerst muss nämlich eine Steigung von rund 300 m überwunden werden, um den Schnalser Waal zu erreichen, der sich dem Hang entlang in Richtung Kastelbell schlängelt. Sind diese Höhenmeter erst einmal überwunden, führt der Weg mit einem leichten Gefälle durch wunderschöne frühlingsgrüne Mischwälder am Sonnenberg entlang. Zwischendurch erhascht man durch das Dickicht einen Blick auf die Tallandschaft. Bei Kastelbell lichtet sich der Wald und vor uns breitet sich das Blütenmeer der Apfelplantagen aus. So prächtig diese anzusehen sind, stimmen sie mich gleichzeitig auch nachdenklich. Mit dieser intensiven Form der Landwirtschaft ist kaum mehr ein Platz für Hochstämmer da und der Pestizideinsatz schadet Bienen und Schmetterlingen. Wie steht es um diese Tierchen? Aber es ist ein Umdenken im Gange. Ein Teil der Malser Bevölkerung setzt sich aktiv dafür ein, dass Mals das erste pestizidfreie Vinschger Dorf wird. Damit wäre ein Zeichen gesetzt.

Tschars-Panorama

Latschanderwaal-Vinschgau-1

Latschanderwaal-Vinschgau-Kasterbell-1

Latschanderwaal-Vinschgau-2

Waalwege-Vinschgau

Wandern-Vinschgau-Waalwege

 

Kastelbell

Zwischen den Apfelplantagen erhaschen wir auch einen Blick auf das stattliche Schloss Kastelbell. Wenige Minuten danach lockt uns ein Schild weg vom Weg zum Buschenschank Pfraum. Hier in der Stube wird Währschaftes aufgetischt. Wir entscheiden uns zur Stärkung für einen gemischten Jauseteller und werden mit Speck, Wurst, Käse und dem traditionellen Vinschger Paarl verwöhnt.

Schloss-Kastelbell

Apfelbluete-Vinschgau-2

Apfelbluete-Vinschgau-3

Apfelbluete-Vinschgau-1

Buschenschank-Pfraum

Jause-Vinschger-Paarl

Mit frischer Energie nehmen wir die zweite Etappe dem Latschanderwaal entlang bis nach Latsch in Angriff. Der Weg führt hoch über der Etsch, den Bahngleisen und der Staatsstrasse durch. Der Lärm der durchfahrenden Autos mag zwischendurch das Blätterdach des Waldes durchschallen. Dennoch landschaftlich eine wunderschöne Route, die unterwegs vielfältige Eindrücke bietet.

Vinschgaubahn

Vinschgau

Latsch-Wandern

Der Schnalser- und Latschanderwaal führen von ca. Ende März bis September Wasser. Von Tschars bis Latsch ist die Wanderstrecke rund 9 Kilometer lang. Wer genügend Zeit mitbringt, kann die Wanderung in Latsch starten und dann dem Schnalser Waal entlang bis zu Reinholds Messners Schloss Juval oberhalb von Schnals wandern. Die Wanderzeit beträgt für diese Strecke rund 4 Stunden.

Malser Oberwaal und Sonnensteig

Etwas weniger Verkehrslärm dafür umso mehr Panorama begleitet einem auf dem Malser Oberwaal. Das „Auftun“ geschieht hier erst gegen Ende April und ist somit einer der letzten Waale, die mit Wasser gefüllt werden. Der Wanderweg führt zuerst durch den idyllischen Kern von Mals und steigt dann steil 400 Höhenmeter an, bis man den Oberwaal erreicht. Oben angekommen kann man zuerst einmal den prächtigen Ausblick auf die Ortlergruppe geniessen. Der Ortler selbst versteckt sich hier aber noch hinter einer anderen Hügelkuppe. Der Weg führt dem Waldrand entlang in Richtung Tartsch, das man schon von Weitem ab der markanten Kirche St. Veit auf dem Tartscher Bichl erkennt.

Mals-Oberwaal-Aussicht

Mals-Frühling

Mals-Oberwaal

Mals-Waalwege-Vinschgau

St-Veit-Tartsch

Der Waalweg geht dann fliessend in den sogenannten Sonnensteig übergeht. Dieser führt der sonnigen Talflanke entlang durch Trockenwiesen, die in diesen Frühlingstagen herrlich blühen nach Schluderns, wo eine der besterhaltenen Burgen Südtirols – die Churburg – trutzig über dem Dorf thront. Zwischendurch verlocken Sitzbänke mit einem Panoramablick auf Südtirols höchste Erhebung – den Ortler – zu einem kurzen Rast. Diese Wanderung kann auch mit dem Berg- und Leitenwaal in Schludern kombiniert werden.

Ortler-Vinschgau

Vinschgau-Panorama

Von Mals bis nach Schluderns ist die Wanderstrecke rund 10 Kilometer lang und die Wanderzeit beträgt ca. 3 Stunden. Je nach Kombination kann die Strecke beliebig ausgedehnt werden (am besten einfach anhand der interaktiven Karte planen).

Diese Reise wurde vom Vinschgau unterstützt – vielen Dank hierfür! Meine Leser dürfen wie immer sicher sein, dass ich stets meine Ansichten und Begeisterung vertrete.

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